treffe ich bei Suicide Sue, sie ist hardcore wie fast alles
hier und sieht ihrer Schwester zwar nicht besonders ähnlich aber dafür
umwerfend aus. Je länger wir uns gegenüber sitzen umso mehr ist sie eine völlig
eigene Person. Sie scheint auch nicht diese intensiven links zu Penelope zu
haben, ich dachte das wäre reziprok, aber sie ist autonom, haha, passt zur
Stadt. Andi meint, es kommt auf das Bewusstsein an, aber die wichtigste und
charakteristischste Eigenschaft der geistigen Phänomene, die von Bewusstsein
geleitet sind, werden von den Menschen auf der Erde nicht verstanden, weil es
unmöglich ist, bei einer Reduktion der Erfahrung von deren phänomenologischen
Eigenschaften in der selben Weise abzusehen wie das bei jeder x-beliebigen
anderen Reduktion auch der Fall ist, äh....ok. So langsam kenne ich Andi, er
gibt auf liebenswerte Weise gerne an mit seinem außerirdischen Intellekt. Ich
glaube er will sagen, dass das Phänomen Zwillingsschwestern an die jeweiligen
Subjekte gebunden ist und sie daher vom Bewusstsein als Zwillinge konstruiert
oder reduziert werden, was noch lange keine geistige Verbindung herstellt, die
man irgendwie erklären kann außer durch identisches Erbgut. Elise lächelt
verwegen, blinzelt mir zu und sagt, sie würde mir jetzt gerne ihre Zimmerlinde (Sparrmannia) zeigen.
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Donnerstag, 21. November 2013
Sonntag, 17. April 2011
sie/es
Ich weine nicht beim Abschied sondern beim Wiedersehen. Habe ich meine Tochter und ihre Freundin eine Weile nicht gesehen und treffe ich sie dann auf dem Bahnsteig, sehe schon aus der Ferne ihre glänzenden Haare und ihren beschwingten Gang, ihre Blicke auf alles Mögliche gerichtet, aber noch nicht auf mich und über irgendeine Kleinigkeit lachend, die ich nicht erfahren werde, schießen mir Tränen in die Augen und meine Lippen zittern vor Glück und Rührung, dass dieses Wesen dort sozusagen ein Teil von mir ist, so fühlt es sich wenigstens an, und dass es mich gleich umarmen und sich über mich lustig machen wird, weil ich aus Freude heule es wiederzusehen und mich dabei nicht schäme ein tränendes Herz (Lamprocapnos spectabilis) zu haben.
Mittwoch, 13. April 2011
Lone Star
Nach fast tausend Seiten melancholischem in-den-Süden-reiten bin ich bereit für die mexikanische Bar. Ich erinnere mich, hier schon einmal hängengeblieben zu sein, obwohl sie zugig ist wie ein alter Stall. Der Barmann mixt Drinks und die Drinks sind gut, es gibt Watermelon Men und Strawberry Margeritas, die beiden verstehen sich gut. Es macht nichts wenn sie sich jahrelang nicht sehen, es kommt auf den Augenblick an und auf die dann gemeinsam verbrachte Zeit, von der es früher mehr gab. Da haben sie versucht, herauszufinden, was Creosote (Larrea tridentata) ist und ihnen ist gemeinsam schlecht geworden. Sie haben in den Staub gespuckt und sich an den Dornen die Haut aufgeritzt. Dann darüber gestritten ob es krank ist wenn der Schmerz sich angenehm anfühlt. Über die Ästhetik eines dicken roten Blutstropfens auf der trockenen Erde. Über den richtigen Ausdruck wie sich altes Leder anfühlt. Über die Möglichkeit eines kleinen einsamen Sternchens am Horizont.
Dienstag, 12. April 2011
blau
Andi ist bzw war Gagarin. Er ist zwar schon viel früher durch den Weltraum geflogen, aber da hat es ihm noch niemand geglaubt. Er sagt, er wäre immer noch relativ ungestört da oben, so viele schaffen es ja auch nicht. Dem Blau der Erde entkommt er nicht, sie zieht ihn an und bis heute weiß er nicht woran das liegt, obwohl er all diese Rotations- und Atmosphärengesetze kennt. Er lacht und wirft sein Haar nach hinten. Vielleicht ist es der Äther, der das Blau so intensiv macht, dass es blendet. Auch Andi will diesem Sog nicht ausweichen, denn das unkontrollierte Trudeln und das eiernde Driften in einem regenbogenfarbenen Tunnel ist so hippie wie er es nie erlebt hat. In den Siebzigern war er wo ganz anders. Und wieder fragt er mich ob ich nicht mitkommen will. Es gibt silberne Glockenblumen (Campanula) lockt er mich.
Donnerstag, 3. März 2011
Leasurepleasure
Kann mich nicht überwinden endlich wieder laufen zu gehen. Also spaziere ich stattdessen durch den Park und plötzlich kommt dieser Drive, der meine Geschwindigkeit anheizen will und den ich dann unter Kontrolle halte, weil es dämlich aussähe, würde ich in Mantel und Stiefeln joggen. Außerdem würde ich sofort ins Schwitzen kommen und hätte im Büro nur das Laufoutfit im Schrank, in dem ich aber auch nicht den Rest des Tages herumsitzen will. Habe nämlich gerade in einem Magazin gelesen, dass legere Garderobe dazu führt, dass eine sich gehen lässt. In meinem Bürostuhl will ich Haltung bewahren, koordinierte Bewegungen ausführen und den Bleistift geraderücken. Habe mich heute einige Male selbst erwischt, wie ich mit leerem Blick auf den Bildschirm schaue und mich nicht erinnern kann was ich gerade gedacht habe bzw. tun wollte. Fühlt sich an als würde da jemand in meinem Kopf auf den Pausenknopf drücken. OK, ich hole die neue Leiter und poliere den Kronleuchter. Muss unbedingt neue Birnen (Pyrus) kaufen. Das ist doch ein konstruktiver Gedanke.
Dienstag, 1. März 2011
Erste Sahne
Der Schnee fühlt sich an wie geschlagene Sahne. Ich wate durch die träge Masse, bis ich den Rhythmus finde, der mich gleiten lässt. Nach einer knappen Stunde bin ich high von den Endorphinen, blinzle blöd in die Sonne und wische mir das Salz von der Stirn. Wo bin ich? Im Bett. Der Schnee ist ein Traum. Mein Schlafgefährte zuckt wie Wolfsfell. Ich kuschele mich an seinen Rücken und versuche die Fortsetzung zu träumen. Das klappt natürlich nicht, weil der Wunsch nicht ins Unterbewusstsein dringt. Das macht lieber was es will. Schert sich nicht darum, dass ich die ganze Nacht weiter durch eine weiße Landschaft laufe, in der nichts passiert. Die innere Mongolei. Endlose Steppen, über die der Wind fegt. Ich bin ein kleiner transpirierender Punkt. Schweiß wird zu Eis. Fühlt sich ok an. Dann verbrenne ich Beifuß (Artemisia vulgaris), der im Sommer die Mücken verteibt. Der Schnee wird zu Rauch, weiß, dick, mückenvertreibend. Ich stehe im Rauch und bin froh, dass ich nicht gebissen werde. Die Mücken sind so groß wie Bienen. Ich wache wieder auf. Der Wolf zuckt.
Mittwoch, 23. Februar 2011
Straßenbegleitgrün
Zum Andenken an die Widerstandskämpferin Hilde Radusch will der Berliner Senat eine Gedenktafel auf eine Rasenfläche setzen, offizielle Straßenbegleitgrün genannt. In dieses Gras (Poaceus) zwischen Straße und Trottoir wird eine teure Kupferplatte gesetzt, die resistent gegen Hundepisse, Streusalz und Graffiti sein soll. Bezahlen müssen sie diejenigen, die sie gefordert haben: Miss Marples Schwestern, ein Zusammenschluss von Frauen, die mit dedektivischem Gespür historische Persönlichkeiten weiblichen Geschlechts aufstöbern. Frauen werden ja gerne vergessen, insbesondere von Männern. Deshalb ist es schon eine Errungenschaft, dass nach zehnjährigem Kampf um die Aufstellung eines Gedenksteins nun diese Tafel genehmigt wird, für die aber irgendwie der geeignete Platz fehlt. Das Straßenbegleitgrün ist wahrscheinlich gar kein schlechter Ort. Hundebesitzer/innen werden beim Gassi innehalten und während der Hund sein Geschäft macht, die Tafel lesen. Hat doch was.
Sonntag, 13. Februar 2011
Valentina
Überall sind Herzen, sogar beim Bäcker gibt es rosa glasierte Milchbrötchen. Ich überlege, ob ich eins kaufen und essen soll. Oder muss ich das geschenkt bekommen, damit es wirkt? Vielleicht sollte ich bis abends warten und wenn mir bis dahin niemand eins überreicht hat, dann kann ich es ja immer noch essen. Aber wahrscheinlich sind es sowieso Placebos, von denen ich eine unbegrenzte Zahl naschen könnte und dann immer noch nicht zu viel Liebe verspüren würde. Wie das Vitamin C der Petersilie (petroselinum crispum) wird das, was der Körper nicht mehr aufnehmen kann, wieder heraus gespült. Ohne dass sich irgendwelche schädlichen Rückstoffe ablagern, die zu Blind- oder Blödheit führen. Ist also völlig harmlos. Nur die Gedanken, die sich um das rosa Brötchen legen wie eine zweite Zuckerschicht, machen mich kirre. Einbildung ist eben keine Bildung.
Montag, 7. Februar 2011
Nichts passiert
Meine Nächte sind mit einem Traum gefüllt, in dem nichts passiert. Der Traum dehnt sich über mehrere Stunden, in denen ich das gleiche Stück Land, einen Baum, dessen Blätter sich nicht bewegen und einen Stein sehe, der reglos nach Art der Steine auf dem Boden liegt. Obwohl diese Beschreibung nach Frieden und Ruhe klingt, ist der Traum verstörend und unheimlich. Eine nicht greifbare Dynamik lauert im Hintergrund. Ich will wissen, wo dieses Land ist, das ich nicht kenne, warum der Stein da liegt und was das für ein Baum ist. Eiche (Quercus), Buche (Fagus), Esche (Fraxinus excelsior)? Mein müder Blick wandert zwischen diesen drei Dingen hin und her, die ganze Nacht. Morgens wache ich gerädert auf und mein Gehirn sucht weiter, den ganzen Tag. Auch nachdem ich die vollkommen identische Szenerie jetzt seit einer Woche träume, bin ich mit meiner Erkenntnis noch keinen Schritt weiter gekommen. Kann es sein, dass der Traum gar nichts bedeutet?
Dienstag, 25. Januar 2011
Real life
Mitten in meiner konzentrierten Büroarbeit klopft es heftig an die Scheibe. Eine Frau will rein. Ich winke ab, schließlich ist das hier Kreuzkölln. Doch sie lässt nicht locker, zieht eine Metallmarke aus ihrer Tasche und hämmert damit an die Tür. OK, das ist eine Polizeimarke, sieht billig aus. Ich lasse sie rein. Observierung sagt sie nur und ich nicke stumm. Schaue zu, wie sie von hinter meiner nicht mehr ganz blickdichten Birkenfeige (ficus benjamina) die andere Straßenseite beobachtet. Dann spricht sie leise in ihre Jacke. Ein Mann kommt aus dem Torbogen gegenüber, was er in den Händen hat, kann ich nicht erkennen. Ich sitze wieder an meinem Rechner und tue so, als würde ich ganz normal hier sitzen so wie jeden Tag ohne dass die Kripo neben mir steht und sich auf eine Schießerei vorbereitet. Der Mann geht zu einem Auto. Mist, der hat ein Auto, sagt die Frau und rennt unauffällig auf den Mittelstreifen, spricht dabei wieder in ihre Jacke und gibt dem Kollegen, den ich nicht sehen kann, das Kennzeichen durch. Das Auto fährt weg, und jetzt?
Mittwoch, 19. Januar 2011
Vollmond
Meine Tochter fragt mich ob ich vergangene Nacht geschlafen habe, ja klar, bin kein Werwolf. Aber sie fragt mich so etwas sonst nie und daraus schließe ich, dass sie nicht geschlafen hat. Das ist so ihre Art - über zwei Ecken, drei Blumen und in fürsorglichem Ton mitteilen, dass sie etwas zu erzählen hat. Sie sagt es war ja Vollmond aber das war nicht der Grund warum sie nicht geschlafen hat. Sie hat die ganze Nacht SMS-Seelsorge für ihre Freundin betrieben. Sonst fällt ihr irgendwann das Telefon aus der Hand aber dieses Mal nicht. Für diese eine Nacht hat sich die Flatrate für ein ganzes Jahr gelohnt, außer, dass beide morgens mit schweren Lidern in die Schule sind. Ich finde das natürlich nicht gut, aber was weiß ich schon. Damals stand das Telefon noch auf dem Flurschränkchen neben dem Gummibaum (ficus elastica) und die Schnur war einen Meter lang. Ich erkundige mich diskret nach dem Inhalt der Kommunikation und erhalte einen Antwort, die ich hier ohne mit der Wimper zu zucken wiedergeben könnte – so allgemein, unverbindlich und oberflächlich, dass ich mich nicht getraue, weiter zu bohren. Ich ziehe meine rechte Augenbraue hoch, weil ich das gut kann und nicke stumm.
Donnerstag, 13. Januar 2011
Billige Drinks
Es gibt so viel zu reden. Aber wir wollen auch essen und danach etwas trinken. Ich stehe also an der Kreuzung und warte auf sie, es ist nicht mehr so kalt. Direkt hinter mir ist ein italienisches Restaurant, in das ständig Leute strömen, ich kenne es nicht. Amici Amici. Als meine Freundin dann kommt, blond, jung und schön, lassen wir uns auch da hineintreiben. Natürlich ist kein Platz mehr frei, aber der Barmann mixt fix zwei Spritz und wir bestellen gegrillte Pulpi. Oberlecker, auch wenn wir direkt neben der Abzugshaube sitzen und ein gut Maß Fett abkriegen. Schnell raus hier, bevor die Klamotten stinken. Im Kiez ist ein Mexikaner, da sind ab sieben die Drinks billig. Vorsichtig nippen wir an den Getränken, Himmel! Gut! Es wird ein schöner Abend, auch ohne die Rosen (Rosa), die uns der Inder verkaufen will.
Montag, 3. Januar 2011
Riecht gut
Warum teure Aufputschpillen kaufen, wenn der Effekt genauso mit Badesalz hergestellt werden kann? Fragen mich meine Tochter und ihre Freundin. Oder mit Raumspray, febreeze und wie die alle heißen. Ich finde das eklig und die Mädchen eigentlich auch, aber nach ein paar Gläsern Champagner(!) kommt der Zitrusduft ganz gut. Oder Bergamotte (citrus bergamia), Lavendel (lavendula), Tanne (abies) und Atlantik. Nee. Atlantik nicht, das ist wie WC-Reiniger. Den trinken sie anscheinend noch nicht, aber probiert haben sie ihn wohl. Ich will die Details nicht wissen. Ich würde glatt meine Toleranzgrenze verschieben angesichts dieses Trends zugunsten von Jägermeister in Richtung mag ich nicht aber wenn es den anderen schmeckt? Eine Alternative ist die braune Brühe aber auch nicht. Auch wenn Kräuter drin sind, Mama. Haha. Da ich meine Tochter und ihre Freundin ganz gut kenne, glaube ich nicht, dass diese Phase länger als drei Wochen anhält. Vielleicht nochmal ein Rückfall zu Karneval, aber danach ist Schicht. Und wenn nicht, dann schleppe ich die beiden lieber zu Douglas, wo sie sich mit Prada und Gucci einsprühen können, das riecht immer noch besser als diese Brisen.
Montag, 13. Dezember 2010
Frankfurt, oder?
Laufe durch die Stadt und finde die Brücke nicht, schaue nach oben auf die unerwartet alten Türme und den Schnee, der darauf fällt. Dann der der Fluss in einem Bogen, der mich staunen lässt, wie elegant, wie gewaltig. Eisschollen treiben gen Norden, verdichten sich. Sind das Eisfischer da draußen? Ich dachte, die gibt es nur in Sibirien. Frauen in Pelzjacken und Männer, die hinterher gucken. Die Sprache verstehe ich nicht. Über die Brücke gehen heißt in ein Land wechseln, in das ich noch nie einen Fuß gesetzt habe und in dem mein Vater geboren ist, Vaterland. Bin Grenzgängerin in der zweiten Generation, die erste redet nicht darüber. Nein, ich bin nicht auf Spurensuche, will welche hinterlassen. Setze Wortmarken in das moderne Gebäude mit Blick auf den melancholischen Strom, alle sehen aus dem Fenster, lächeln verträumt. Freundliche Menschen mit traurigem Blick. Will sie aufheitern und überreiche einen Weihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima), sie bedanken sich und streichen sanft über die roten Blätter.
Sonntag, 28. November 2010
Yucca
Verbringe wieder eine Nacht im Hotel, mitten in der City. Obwohl mein Zimmerfenster (wie immer!) direkt über dem Hoteleingang an der Straße liegt, ist es mucksmäuschenstill. Schon auf dem Weg in diese Herberge ist mir etwas mulmig, weil mir auf der Strecke zwischen Bahnhof und Zieladresse kein einziger Mensch und nicht ein Auto begegnen. Keine Lichter in den Häusern und die Straßenlaternen schaukeln im kalten Wind. Mein Mobiltelefon sagt mir Ziel erreicht und die City-Hotel-Leuchtreklame leuchtet auf. Ist heute Fahrverbot oder Ausgangssperre? Gab es einen Giftmüllunfall in der Nähe und die Luft, die ich atme, ist verseucht? Schnell trete ich ein. Ein freundliches Kneipenambiente empfängt mich. Hinter dem Tresen, der gleichzeitig auch Empfang ist, steht Andi. Andi? frage ich. Doch der Mann sieht ihm nur ähnlich und lacht freundlich, erzählt mir sofort wo er geboren ist, dass seine Freundin das Frühstück machen wird und dass er sechs Föhne zum Ausleihen hat. Ich überlege, neulich hatte ich Alaska, also nehme ich Carrera. Der Andiähnliche führt mich in mein Zimmer, zeigt mir, wie warm er die Heizung aufdrehen kann, voll bis auf drei. Als er wieder weg ist drehe ich schnell zurück. Mein Bett steht in einem Wald aus Palmlilien (Yucca), das ist ganz schlechtes Feng Shui. Nach einer Stunde habe ich das Zimmer so umgeräumt, wie es mir gefällt. Es ist immer noch unheimlich ruhig.
Mittwoch, 17. November 2010
Stummfilm reloaded
Die langen Fahrten im Zug werden immer unterhaltsamer. So was wie Langeweile gibt es nicht. Wenn ich keine Lust zu reden habe oder mein Buch mich nicht fesselt, schaue ich einfach die Streifen mit, die sich die Jungs so reinziehen. Es sind immer Männer, jüngere und ältere. Die gucken Filme, für die würde ich wahrscheinlich nicht ins Kino gehen, Shutter Island zum Beispiel oder Machete. Letzterer ist ein wahrlich blutrünstiger Streifen, schon in den ersten zwanzig Minuten werden so an die fünfundzwanzig Personen abgeschlachtet. Eine hängt in einer Aloe (Aloe) fest. Neben Steven Seagal spielt auch Robert de Niro mit, scheint also eher einer der besseren B-Movies zu sein. Alle Männer in Machete haben an ihrer Seite extrem junge Mädchen, die attraktiv und unschuldig aussehen, auch nackt. Tatsächlich sind sie mit allen Wassern gewaschen und kennen sich hervorragend mit Schusswaffen aus. Weil ich ja die Dialoge nicht hören kann, erschließt sich mir nicht, was sie an den alten Typen finden. Eine ziemlich unangenehme Art der Emanzipation muss das sein. Oh Mann, jetzt interpretiere ich den total falschen Sinn in diesen Machetenfilm. Eine Machete ist schließlich kein Samuraischwert und da kann ich nicht erwarten, dass dahinter so etwas wie eine Philosophie steckt.
Dienstag, 9. November 2010
Kontakt mit dem Adel
Würde ich im Zug einen Grafen kennenlernen ohne zu wissen dass er einer ist, ich würde ihn an der eng geknüpften Weste und am unprätentiösen Gebrauch der lateinischen Sprache erkennen. Immer einen flotten Kommentar auf Lager. Und so viel Selbstbewusstsein, so viel Verantwortung für das Gemeinwohl und immens viel Interesse an den Gepflogenheiten des einfachen Volkes. Ethische Grundsätze stehen vor dem simplen Bedürfnis nach profanem Gelderwerb, schließlich macht es (das Geld) nicht mal glücklich und man kann auch seinen maroden Landsitz nicht davon instand halten. Verarmter Adel also, ja klar, zweite Klasse Fensterplatz. Nach drei Stunden miteinander fahren bin ich davon überzeugt, dass sein Geldmangel sich völlig anders anfühlt als meine Geldnot. Er fühlt sich als Spross eines umfangreichen Stammbaums nämlich trotzdem reich. Wie ein Pfennigbaum (Crassula ovata), dickblütig und widerstandsfähig. Die wachsen sogar auf der steinigen Lavaerde vulkanischer Inseln. Also exotisch trotz einheimisch. Ist schon ulkig so ein Graf.
Montag, 1. November 2010
Phantom
Kaum bin ich aus dem Büro raus sind meine Rückenschmerzen weg. Ganz vorsichtig habe ich mich den ganzen Tag bewegt, stehend telefoniert und immer wieder in die Küche oder zum Kopierer gelaufen, um dieses und jenes zu kopieren, Tee zu machen, die Pflanzen zu gießen. Mein Ficus ist kurz vor dem Exitus, die Palme sieht auch nicht gut aus, nur der Kaktus (Cactaceus) wächst und wächst. Eine zwei Meter hohe Säule, die meine geschäftlichen Aktivitäten schon seit Jahren stoisch begleitet. Ab und zu etwas Wasser reicht völlig. Sobald ich mich hinsetze, sticht ein Schmerz in mein Kreuz. Mein Körper sagt mir ich soll nicht sitzen. Meine Ärztin sagt mir, ich soll auf meinen Körper hören. Es gibt ja diese Stehpulte in den Schickimickibürokatalogen. High Level Working Units. Daran lehnen sich elegant gekleidete Büromenschen und schauen interessiert in aufgeklappte Laptops. Ich glaube, vom langen Stehen kriege ich auch Rückenschmerzen. Ich könnte zum Bäcker gehen und mir ein Brötchen holen. Kaum bin ich aus der Tür, fühle ich wie die Energie fließt und den Schmerz mitreißt. Ich setze mein Headset auf und telefoniere meine Liste runter. Es ist ein schöner Herbst hier im Park.
Sonntag, 31. Oktober 2010
Katze am Kotti
Superfrüh gehe ich zum Kottbusser Damm in der Hoffnung die Bahnen streiken nicht. Ein ungewohntes Geräusch dringt durch den Lärm der Straße, ein klägliches Miau. Ich bin nicht die Einzige, die so früh unterwegs ist und die das Maunzen irritiert. In der Dunkelheit sieht man die kleine schwarze Katze kaum. Sie läuft ziellos zwischen den Fahrradständern umher und weiß offensichtlich nicht wo sie hin soll. Mit meinem Rollkoffer in der einen dem Regenschirm in der anderen Hand stehe ich da und will etwas tun. Aber was? Passanten ansprechen? Die Männer, die rauchend an mir vorbeiziehen schauen auch auf das Kätzchen. Ich glaube es hat nur ein Auge. Also total mitleiderregend, aber auch ein bisschen abschreckend. Oje, sie kommt bestimmt gleich unter die Räder, wenn sie niemand rettet. Ich kann nicht. Dann ist da der ältere Mann arabischer Abstammung, der sich plötzlich zu dem Tier herunterbeugt und es an seinem Nackenfell packt. Routiniert. Er trägt die Katze wie einen nassen Lappen zu den Hinterhöfen und setzt sie in den Liguster (Ligustrum). Ob sie dort wohnt, weiß ich nicht. Ich hoffe es. Vielleicht macht er das jeden Morgen, bevor es hell wird.
Mittwoch, 13. Oktober 2010
Dreimal Zehn
Den Blick auf den Boden geheftet laufe ich am Landwehrkanal entlang, vielleicht finde ich etwas. Schalen von Kürbis- und Sonnenblumenkernen, Kippen und Kronkorken. Das Ufer des Landwehrkanals sieht aus wie eine Pizzabude, überall die quadratischen Klappkartons gestapelt, als würde gleich ausgeliefert. Doch die Pappen sind leer, aufgegessen, wenn nicht dann fressen die Ratten den Rest. Ganz schön fett die Viecher. Mama was will die Maus. Gekreische von Müttern und Mädchen, die keine Ratten gewöhnt sind. Die Jungs versuchen sie mit ihren Stöcken aus Weide (Salix) aufzuspießen. Wenn die Wasseroberfläche nicht wäre, würde man den ganzen Müll sehen. Wer macht es sich schon neben einer Müllkippe gemütlich. Diese Frage trifft auf Berlin nicht ganz zu. Erstaunlich die Orte, die für einen Chillout ausgesucht werden, auch auf einer Verkehrsinsel kann es schön sein. Wir trinken Erdbeerwein und danach Kirschwein, sozusagen zum Kaffee aber ohne Kaffee. Von der Admiralsbrücke klingt es spanisch. Die Sonne geht genau über dem Wasser unter. Wir trinken Wodka.
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