Elise nimmt morgens ein Melissebad oder ist es ein Molassebad
oder ein heißes Moorbad, ich verwechsle das dauernd weil ich stehe nicht auf
Bäder wegen der Kacheln an der Wand. Wenn es nach mir ginge gäbe es keine
Fliesen auf der Welt, höchstens solche wie in der Alhambra oder in Marokko. Die
Muster dieser Kacheln sind so kontemplativ, dass man eigentlich gar nicht baden
braucht um sich zu entspannen, man starrt einfach nur 20 min an die Wand und
atmet. Aber wir sind ja nicht in Algier oder Tanger sondern in der guten alten
Mittelerde mit ihren weiß gekachelten Nasszellen. Als Elise aus dem Bad kommt,
trägt sie das Kostüm einer Gärtnerin, denn heute gehen wir ins Gewächshaus. Das
klingt sehr romantisch, wir sollen die Blüten des Winter-Jasmins (Jasminum
nudiflorum) pflücken, um daraus Parfüm zu machen. Mit unseren Körbchen laufen
wir über den Hof und irgendwie kommt uns das Glashaus schon von außen seltsam
vor. Vorsichtig öffnen wir die Tür und blicken ins Innere.
Donnerstag, 16. Januar 2014
Dienstag, 14. Januar 2014
Lust auf Gemüse
Mein neues Herz überrascht mich, es ist wild und weich zur
gleichen Zeit. Erstaunt schaue ich Elise an, sie sagt das hättest du nicht für
möglich gehalten, was? Stumm schüttele ich den Kopf. Sie hat dieses Herz schon
länger für mich ausgesucht, es ist das eine das zu mir passt und ich soll mich
doch jetzt freuen. Früher hätte sie es mir nicht geben können, weil sie erstens
noch keine Rolle dafür spielte und ich zweitens noch nicht soweit war und es
manchmal im Leben auf diese kuriosen kleinen Koinzidenzen ankommt und so
weiter. Mit einem Augenzwinkern erinnert sie mich an die Zauberstäbe bei Harry
Potter, die müssen auch zu ihren persönlichen Zauberern und Hexen finden sonst
zaubern sie nur Unsinn. Ich bin nicht sicher, ob ich diese leichtfertige
Analogie annehmen kann. Aber egal, ich lausche jetzt auf den ungewohnten Ton in
meiner Brust und versuche Kontakt aufzunehmen indem ich mein Herz frage ob es
sich gut eingelebt hat und ob ich noch etwas tun kann damit es sich wohl fühlt.
Es sagt es hat große Lust auf an der Sonne gereiftes Gemüse, am liebsten
Buschbohnen oder Zucchini (Cucurbita pepo),
Tomaten sind auch okay. So einfach ist das? Hätte mein Herz schon einen Stein
so würde er jetzt fallen.
Sonntag, 12. Januar 2014
stille See in 3D
Freitag, 10. Januar 2014
Transplant
In unserem Drama tun wir Dinge die es nicht gibt. Wir
lügen über das was wir nicht sehen, haben Spaß am Augenblick und unsere
Geschichten sind jeden Tag anders. Der Nonsens befreit unsere Seelen. Die
Darbietung mit Sinn zu füllen obliegt denen die gerne und ausgiebig
interpretieren, sie dürfen die Handlung im Nachhinein rechtfertigen und
weichzeichnen wenn sie wollen. Elise trägt heute den OP-Kittel einer Oberärztin
und ist dabei mein Herz auszutauschen. Bei der Untersuchung fand sie dass es zu
zaghaft schlägt und ich nicke heftig, gerne hätte ich ein anderes Herz wenn das
geht. Klar, kein Problem, sie hat ein schönes wildes Herz auf Lager und das
kann ich haben. Ich bin voll in der Lachgasnarkose und amüsiere mich über
Elises konzentriertes Gesicht. Was machst du mit meinem alten Herz, frage ich. Es
wird erst einmal eingefroren bis ich mich an mein neues gewöhnt habe und mein
Gehirn es akzeptiert hat; das müsste eigentlich kein Problem sein, denn mein
Gehirn stand mit dem alten Herz auf Kriegsfuß, ständig waren die beiden
unterschiedlicher Auffassung, hoffentlich ändert sich das jetzt. Elise näht den
Schnitt im Stil der unbeachteten Rose (Rosa
omissa) wieder zu und stellt damit die Harmonie zwischen außen und innen
her. Mit blutverschmierten Fingern drückt sie meine Hand und wünscht mir viel
Glück.
Mittwoch, 8. Januar 2014
Risse
Die Aussicht ist begrenzt, nur schmale Spalten zwischen den
Steinen, in denen sich das Licht zu bündeln scheint. Geblendet von dem was sich
hinter den Felsen verbirgt taumeln wir wieder zurück. Elise trägt heute die
Wollmütze einer Widerstandskämpferin und führt Flüchtlinge durch das Unterholz.
Ich bin für die Karten verantwortlich, weil wir ja so tun als gäbe es noch
keine von Satelliten unterstützte Orientierung. Die Topografie macht uns
ordentlich zu schaffen, überall gibt es nicht verzeichnete Riefen, Risse und
Schluchten in der Landschaft, Höhlen, in denen wir Unterschlupf
finden. Auch für das Feuer bin ich zuständig, es ist nicht leicht Zweige zu
finden, die keinen Rauch entwickeln und uns verraten würden, ich versuche
Hasel, Erle, Eiche und am Ende ist es tiefwurzelndes Pioniergehölz (Hippophae), das am besten brennt. Bei
diesen milden Temperaturen könnten wir auch draußen schlafen, dann hätten wir
am nächsten Tag echte verfilzte Haare und fettig glänzende Haut, an unseren
Kleidern würden Schmutz und Ruß kleben und unser Atem würde stinken. Aber das
machen wir natürlich nicht, ist alles nur ein Spiel.
Sonntag, 5. Januar 2014
transformanipulation
Elise ist auf Station 4 und ich schleiche nachts
heimlich durch den Flur zu ihr. Die Wände haben die Farbe von Moos und durch
die Fenster können wir den dunklen Wald sehen. In unseren langen weißen
Nachthemden spielen wir eine Runde Tischtennis und um uns an die Garderobe zu
gewöhnen, hüllen wir uns in altmodischer Manier in seidene Kimonos und kichern.
Der Pool im Keller ist unheimlich, er ist grün gekachelt und sein Boden ist
nicht zu sehen wie bei den moorigen Teichen da draußen in dieser Landschaft,
die eigenartig still und verwachsen ist. Elise und ich sind nur selten beide
gleichzeitig am Set und die düstere Stimmung des Drehbuchs überträgt sich auf
uns trotz der vielen Muntermacher, die sich echt Mühe geben, aber irgendwie
nicht zu uns durchdringen. Sind wir oder sie Kunstfiguren, gibt es die
Katzenfrau wirklich und ist der Nebel echt, durch den die Rehe im Morgengrauen
laufen? Noch ein paar Tage und die Irritation wird sich in unseren Augen
spiegeln wie die Kerzenbeleuchtung im Zeichenunterricht; was real ist und was
nicht wird nicht mehr so leicht zu unterscheiden sein und genau so ist es
gewollt. Wir sollen Grenzen überschreiten, wenn wir unsere Rollen spielen. Mit
dem Ellenbogen stoße ich Elise an, deute auf ihren Kaktus (Optunia vulgaris)
auf dem Nachtschränkchen und erinnere sie daran, dass in seinen Stacheln die
Wahrheit steckt.
Donnerstag, 2. Januar 2014
r.i.r.
Noch ist Winter, auch wenn im Siebengebirge die Vögel
zwitschern als wäre morgen März. Tausende von geöffneten Bucheckern (Fagus cupula) knistern unter den Füßen
der Waldläufer und bei einem Windstoß erheben sie sich zu kleinen gemeinen
Schwärmen. Sie sirren wie Hornissen um die Bäume und kratzen an der Hülle von
allem das etwas Weiches birgt, denn das Weiche hat hier im Winter nichts zu suchen.
Ungeschützt trocknet es aus oder verweht. Wenn man genau hinsieht oder ein
wenig unter das trockene Laub greift, liegen hier überall silberne Kapseln, die
leise klingen wenn niemand zuhört. Innen drin sind Körper aller Art, Leben
halt. Sie befinden sich in der so genannten r.i.r. (reduced inward reflection)
Phase, in einem geschlossenen System, einem Kokon, aus dem dann zu gegebener
Zeit etwas anderes schlüpft als sich vorher eingesponnen hat. Wie die
Metallhülle entsteht weiß ich nicht, nur dass sie sehr fest ist und man sie
auch mit einem Bolzenschneider nicht aufkriegt. Später reicht dann einfach die
Gewebespannung von innen, das Ding platzt auf und heraus kriecht das definiert
vorbestimmte Hübsche oder Hässliche, Geschöpfe halt. Der Winter und die Gefahr
sind dann vorüber.
Abonnieren
Posts (Atom)


