Donnerstag, 17. Oktober 2013

the talker


Er fährt Fahrrad und spricht. Laut. Englisch, Französisch und Deutsch. Er radelt am Rhein entlang und kommt mir beim Laufen entgegen. Beim ersten Mal bin ich erschrocken, aber er hat keinen bösen Blick und seither bin ich gewappnet. Also eigentlich flucht er, son of a bitch, merde und so. Was mich wundert ist, dass ich ihm jedes Mal begegne, wenn ich laufe, zu völlig unterschiedlichen Zeiten. Ich erkenne ihn von Weitem und denke Ah der talker, er schaut mich nicht an. Seine Welt muss in Aufruhr sein, denn er wettert und schimpft unentwegt, gegen den amerikanischen Präsidenten, gegen französische Ölfirmen, gegen das deutsche Kabinett. Ich fange immer nur Bruchstücke auf, habe mir aber angewöhnt, mich darauf zu konzentrieren was er sagt. Wo er wohl hinfährt? Andere Männer in seinem Alter fahren von Walnussbaum zu Walnussbaum (Juglans regia), einige haben Elektroräder, damit sie gegen den Herbstwind ankommen. Ich hasse es, von einem Elektrorad überholt zu werden. Sie täuschen Sportlichkeit vor, der bis in die Gesichtszüge reicht. Was ist denn das für ein Triumpf bitte schön? 

Dienstag, 15. Oktober 2013

Mond in den Augen


In Vorbereitung auf den Vollmond poliere ich mein Teleskop. Auch wenn ich schon tausendmal auf die Vorderseite des Mondes geblickt habe und die Landeplätze von Apollo 11, 12, 14, 15, 16 und 17 in- und auswendig kenne, stimmt mich der Anblick der ausgetrockneten Meere ruhig. Mein Blick bleibt im Mare Nectaris haften und saugt ein wenig. Ich stopfe die Bilder in mein Gedächtnis wie eine Honigbiene den Pollen des Bittersüßen Nachtschattens (Solanum dulcamara) in ihre Säckchen. Mein Teleskop reicht nur bis zum Mond, zu schwach zum Planetenhopping. Für den Mars bräuchte ich mindestens das Hubble. Plötzlich empfange ich ein schwaches Signal von Andi und mein Herzschlag setzt für einen Moment aus. Er ist sehr weit weg, doch das ist näher als meistens. Mit Realität hat das noch nichts zu tun, oder Einstein?

Montag, 14. Oktober 2013

collectors pride


So viel habe ich gesammelt und gehortet, gezählt, gemessen, kartiert, fotografiert.... die kleinsten Teilchen mit der größten Energie.  Die Regale und Lager quellen über. Ich bin so stolz. Meine größte Leidenschaft ist zu wissen was ich alles habe. Am Tag fühle ich mich sicher. Nachts ist das schon anders. Da ist die Dunkelheit plötzlich so viel größer als vorher alles Helle. Dieser Stern blendet mich. Er ist ein Strohhalm (stipula). Er täuscht mich über das was ich wirklich will. Also mache ich erst einmal gar nix. Ist aber auch blöd. Außerdem geht das gar nicht, nix machen. Die Gedanken versuchen mit Gewalt, in die Dunkelkammer zu gelangen und sie entdecken jede kleine Ritze. Die sind verlockend, sie riechen nach Abenteuer und nach weicher Landung. Ich vermisse dich Andi.

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Marroni in Chianti

Die stachligen Kugeln prasseln auf mich nieder, kleine Tropfen Blut auf meiner Haut. Trotz des Schmerzes muss ich lachen und schaue mich um, wo Blut ist kann Siegfried der Held nicht weit sein. Da kommt er schon. Hat sich hinter dem Buchs (Buxus sempervirens) versteckt. Er hilft mir Marroni sammeln - bei ihm geht das blitzschnell - und trägt das Körbchen in meine Küche. Die Kastanien kochen in Chianti, der Wein verdampft, nur kleine Salzränder kriechen am Topfinneren hoch. Das Fleisch ist rot und weich, duftet verführerisch und schmilzt auf der Zunge. Siegfried hält sich zurück, sein Hunger ist ein anderer, doch er wartet noch. Wartet bis ich betrunken bin vom Rest des Weins und für alles bereit.

Montag, 7. Oktober 2013

Der stille König

Während also meine Tochter und ihre Freundin down under die Weite suchen und um die halbe Welt nölen, dass ein paar Dinge nicht so sind wie sie sich das vorgestellt haben, finde ich unerwartet einen Schatz vor meiner Haustür. Also nicht direkt auf der Matte sondern jenseits des Siebengebirges im Sauerland, wo bei Lüdenscheid ein kleines Naturschutzgebiet namens Stilleking liegt, ganz bezaubernd. Pinke Punkte markieren den Weg, wahrscheinlich von kichernden Scoutmädchen gelegt, die in diesem Abschnitt mal Freiwilligendienst hatten. Die finden es wahrscheinlich auch eher eklig, dass eine der hier besonders geschützten Pflanzen der sowas von oute behaarte Ginster (Genista pilosa) ist. Die sauerländer Männer laufen mit gezückten Messern durch den Wald. Ich habe keine Angst, denn an meiner Seite ist auch einer. Ein stiller König.

Freitag, 4. Oktober 2013

Jetzt ist sie weg

Abschied und Abgrenzung, beide erzeugen leichte Risse in meiner Hülle. Was innen brodelt will unbedingt raus doch ich lasse es nicht zu. Erspare mir Tränen durch Abwesenheit. Mein Gehirn lulle ich mit einem lang erprobten Mantra ein, meinen Körper schicke ich raus in den Wald. Alles was ich kenne ist jetzt willkommen, fügt sich geschmeidig ein ohne mich zu bedrohen oder zu überraschen. Bloß nichts Unvorhergesehenes. Mein Maß ist voll. Das war nicht immer so, im Gegenteil, ich konnte den Hals nicht vollkriegen, Grenzen austesten, volles Risiko, bis über die Schmerzgrenze. Irgendwie ist die Wut weg. Meine Güte wie lange war sie mein Antrieb. Dieser kochende Zorn gegen die Langeweile und nur ab und zu ein paar Verbündete. Versuche mich in Kontemplation und fixiere das giftige Leuchten des Fliegenpilzes (amanita muscaria).

Dienstag, 1. Oktober 2013

Yeah Geduld!

Zehn Jahre braucht ein Nussbaum für seine ersten Nüsse, bei Oliven (Oleaceae) ist es ähnlich. Gut Ding will Weile haben. Pflanzenanalogien auf das eigene Leben anzuwenden ist der totale Schwachsinn. Was allein zählt ist die Entropie. Wir sind Sternenstaub und werden es wieder werden, also warum überhaupt geduldig auf etwas warten? Fängt das echte Leben früher an wenn wir geduldig darauf warten? Oder später aber dann garantiert? Das ist wie jede Nacht in den Himmel schauen und auf eine Nova zu warten. Das mache ich nicht. Obwohl ich gerne mal eine sehen würde. Eine wunderbar leuchtende Lichtgestalt, in die ich einfach alles hineininterpretieren kann. Besser wäre natürlich, die Nova würde mich berühren, das wäre einfach super. Auch wenn ich verbrenne.