Montag, 9. Mai 2011

flussaufwärts

Mit der Geschwindigkeit eines flussaufwärts den Rhein entlang tuckernden Containerschiffs laufe ich durch den kühlen Schatten. Nach ein zwei Kilometern vergrößert sich der Abstand zugunsten des Schiffs und ich lasse es ziehen. Jeden Morgen die gleichen Hunde und ihre freundlichen Frauchen und Herrchen. Nachmittags herrschen andere Töne, da wird mir auch schon mal hinterhergerufen Und wo gibt’s die Pizza? Das verstehe ich erst nicht, aber der Typ brüllt das allen ins Ohr, die schneller sind als er. Das Wasser steht so tief, dass schroffe Felsen den Strom brechen. Sandstrände hinter den Weiden. Papageien in den Pappeln. Schilf verdeckt die Sicht. Ich laufe auf dem nassen Gras und konzentriere mich auf meine Atmung, sonst nichts, versuche den Verwesungsgeruch des Drüsigen Springkrauts (Impatiens glandulifera) zu ignorieren. Hier noch der  gepflegte Rasen, hinter den Büschen das nicht zu kultivierende Schwemmland. Unterholz, aus dem es knackt.

Samstag, 7. Mai 2011

Weißer Dackel

Der Freund meiner Tochter hat einen Kumpel, dessen Familie hat einen weißen Dackel oder so ähnlich, jedenfalls so ein kleiner Wuschel, der neulich die Wee-Steuerung und die Kabel zerbissen hat. Der ist total süß sagen alle, manchmal geben sie ihm etwas Kölsch zu trinken. Heute Nacht ist der Rhein in Flammen, was nicht wirklich etwas mit dem Hund zu tun hat außer dass die Familie in einer großartigen Wohnung direkt am Fluss wohnt und das Feuerwerk und die vorbeiziehenden Partyschiffe sozusagen aus der ersten Reihe sehen kann. Die Musik auf den Schiffen ist schrottig, wie Karneval eben und daher irgendwie auch gut. Die Touristen zahlen viel Geld für die Tickets und stechen sich beim Tanzen an den Yuccas ( Yucca), die in Wirklichkeit keine Palmen, sondern saisongerecht aus der Familie der Spargelgewächse sind.

Montag, 2. Mai 2011

fünf Kleider

In einem meiner sporadischen Träume, in denen Promis eine tragende Rolle spielen, bin ich zu Besuch bei meinem Exfreund, ich weiß nicht welcher genau. Auf jeden Fall ist er jetzt mit Angelina Jolie zusammen und das finde ich schon recht aufregend. Wie immer, bin ich im Traum nicht die Spur eifersüchtig, ich streife durch die schöne Wohnung und sehe mir das Innere der Kleiderschränke an. Angelina hat nur einen kleinen Spind und darin hängen genau fünf Kleider, die mir irgendwie bekannt vorkommen, wahrscheinlich aus dem Kino. Ich bin beeindruckt, dass sie nur so wenige Klamotten hat. Die Kleider sind alle bunt gemustert und hängen so locker und stilvoll an ihren Bügeln, wie es nur eine Menge Luft dazwischen möglich macht. Ich denke an meinen eigenen Kleiderschrank und an die peinliche Enge darin. Mein Lieblingskleid in der Farbe von Klatsch-Mohn (Papaver rhoeas) muss ich immer erst suchen und deshalb vergesse ich meistens es anzuziehen. Das kann Angelina nicht passieren.

Samstag, 30. April 2011

keltisch

In meiner Heimat im Süden besinnen sich die Menschen auf ihre keltische Herkunft. Das ist zwar nicht so ganz einfach, weil es keine Überlieferungen, nur ein paar mit Runen versehene Steintafeln und einige Orte mit keltischen Namen gibt, Laufen, Britzingen und Ballrechten-Dottingen. Dort gibt es in den Weinbergen auch historische Trockenmauern und ich werde nicht müde, die vor kurzem aufs Feinste restaurierten sandsteinfarbenen Steinplatten hoch-und wieder herunterzusteigen und die artenreiche  Trockenpflanzenwelt  einschließlich des Dreifinger-Steinbrechs (Saxifraga tridactylites) zu bewundern. Meine Tochter zieht ein Gesicht ob meiner Besessenheit, entdeckt aber dann die Telefonnummer, die an einer Tafel steht und die sie gebührenfrei anrufen kann, um sich den wissenschaftlichen Renovierungsprozess in allen Einzelheiten von einer angenehmen Frauenstimme mit leicht südbadischem Akzent erklären zu lassen. Mit dem Mobiltelefon am Ohr locker an einen Weinstock gelehnt lässt sich dieser Ausflug in die Natur viel cooler an.

Sonntag, 17. April 2011

sie/es

Ich weine nicht beim Abschied sondern beim Wiedersehen. Habe ich meine Tochter und ihre Freundin eine Weile nicht gesehen und treffe ich sie dann auf dem Bahnsteig, sehe schon aus der Ferne ihre glänzenden Haare und ihren beschwingten Gang, ihre Blicke auf alles Mögliche gerichtet, aber noch nicht auf mich und über irgendeine Kleinigkeit lachend, die ich nicht erfahren werde, schießen mir Tränen in die Augen und meine Lippen zittern vor Glück und Rührung, dass dieses Wesen dort sozusagen ein Teil von mir ist, so fühlt es sich wenigstens an, und dass es mich gleich umarmen und sich über mich lustig machen wird, weil ich aus Freude heule es wiederzusehen und mich dabei nicht schäme ein tränendes Herz (Lamprocapnos spectabilis) zu haben.

Mittwoch, 13. April 2011

Lone Star

Nach fast tausend Seiten melancholischem in-den-Süden-reiten bin ich bereit für die mexikanische Bar. Ich erinnere mich, hier schon einmal hängengeblieben zu sein, obwohl sie zugig ist wie ein alter Stall. Der Barmann mixt Drinks und die Drinks sind gut, es gibt Watermelon Men und Strawberry Margeritas, die beiden verstehen sich gut. Es macht nichts wenn sie sich jahrelang nicht sehen, es kommt auf den Augenblick an und auf die dann gemeinsam verbrachte Zeit, von der es früher mehr gab. Da haben sie versucht, herauszufinden, was Creosote (Larrea tridentata) ist und ihnen ist gemeinsam schlecht geworden. Sie haben in den Staub gespuckt und sich an den Dornen die Haut aufgeritzt. Dann darüber gestritten ob es krank ist wenn der Schmerz sich angenehm anfühlt. Über die Ästhetik eines dicken roten Blutstropfens auf der trockenen Erde. Über den richtigen Ausdruck wie sich altes Leder anfühlt. Über die Möglichkeit eines kleinen einsamen Sternchens am Horizont.

Dienstag, 12. April 2011

blau

Andi ist bzw war Gagarin. Er ist zwar schon viel früher durch den Weltraum geflogen, aber da hat es ihm noch niemand geglaubt. Er sagt, er wäre immer noch relativ ungestört da oben, so viele schaffen es ja auch nicht. Dem Blau der Erde entkommt er nicht, sie zieht ihn an und bis heute weiß er nicht woran das liegt, obwohl er all diese Rotations- und Atmosphärengesetze kennt. Er lacht und wirft sein Haar nach hinten. Vielleicht ist es der Äther, der das Blau so intensiv macht, dass es blendet. Auch Andi will diesem Sog nicht ausweichen, denn das unkontrollierte Trudeln und das eiernde Driften in einem regenbogenfarbenen Tunnel ist so hippie wie er es nie erlebt hat. In den Siebzigern war er wo ganz anders. Und wieder fragt er mich ob ich nicht mitkommen will. Es gibt silberne Glockenblumen (Campanula) lockt er mich.