Freitag, 13. Dezember 2013

Freiheit


Meine Tochter und ihre Freundin habe ich noch nie so glücklich erlebt. Sie sagen es ist die Freiheit. Sie fühlen sich mit ihren schlanken, stromlinienförmigen Körpern wie australische Schwalben, die sich von den aufsteigenden warmen Luftmassen über Adelaide tragen lassen, vergnügt ihre schrillen Laute ausstoßen und sich vor lauter Übermut im Steilflug fast ins Meer stürzen. Sie haben aber auch wirklich Glück oder vielleicht ist es normal dort, dass ihr Wille ihr Handeln bestimmt und ihr Wille aufgrund ihrer Persönlichkeit ein angenehmer ist und ihre Persönlichkeit durch diese positive Feedbackschleife wächst und reift und Party feiert. Meine Tochter sagt, die Australier sind so nett und freundlich, dass einfach alles möglich ist. Sie ist ja jetzt auch nach einer Woche Einarbeitung Store-Manager in einem CD-Laden, verdient einen Haufen australische Dollars und verschwendet keinen Gedanken daran, dass die empfundene Freiheit eventuell eine Unerkennbarkeit von Freiheitsbeschränkungen ist. Genauswenig, wie sie den dort wuchernden Mimosensträuchern (Mimosa pudica), auch schamhafte Sinnpflanzen genannt, Beachtung schenkt. Wozu auch?



Mittwoch, 11. Dezember 2013

warm, wärmer


Penelope und ich laufen uns bei den Kletterfelsen am Stenzelberg sozusagen zufällig in die Arme. Sie sieht wunderschön aus mit ihrem goldenen Haar und den leuchtenden Augen, fast wie eine mystische siebengebirgische Erscheinung, sie trägt schicke Workoutklamotten in blau und schwarz und verschämt schaue ich auf meine alte verblichene Jogginghose. Es ist für uns beide ganz seltsam, nicht am Rheinufer zu sein sondern hier oben zwischen den Steinen und mit einem Weitblick, der bis an den westlichen Horizont reicht. Penelope scheint in dieser Umgebung viel glücklicher zu sein, sie schwatzt und plaudert und hüpft dabei immer von einem Fuß auf den anderen. Mein Herz hüpft mit. Dann packt uns beide plötzlich die Leichtigkeit und wir rennen im Laub bergab so schnell wir können, stolpern über Buchenwurzeln und moosbewachsene Äste, treten auf Apfelmatsch und Reste von Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale). An diesem Dezembertag ist es warm wie im Frühling oder sogar wie im Sommer oder ich habe komplett den Überblick über die Jahreszeiten verloren.

Montag, 9. Dezember 2013

Kiwibanane


Meine Tochter, ihre Freundin und meine Freundin und ihr Sohn treffen sich zufällig auf der Post von Adelaide, als sie ihre Weihnachtspäckchen aus Köln und Königswinter abholen. Sie sagen hallo die Welt ist ja klein und gehen dann wieder ihrer Wege. Es sind 35 Grad im Schatten und in der Mittagspause von ihren Jobs holen sich die Mädchen wie immer einen Kiwibananeslush beim Balinesen mit der Eiskarre. Wenn der sie über die Straße kommen sieht, dann läuft seine Wahrnehmung in Zeitlupe ab, dann wehen ihre langen Haare sachte im heißen Luftzug des Straßenverkehrs, dann schreiten sie in ihren kurzen Röcken wie auf frisch gefallenem Schnee und ihre langen Wimpern verzögern ihren Augenaufschlag wie eine balinesische Prinzessin. Die Getränke schlürfen sie auf dem Rückweg in ihre Jobs, heute sind sie üppig geschmückt mit Hibiskusblüten (Hibiscus tiliaceus L.), sie schenken dem Balinesen ihr strahlendes Lächeln mit einem Blick über die Schulter und stecken sich die Blumen an ihre Arbeitskleidung.

Samstag, 7. Dezember 2013

geht doch


Die Flut ist besonders hoch weil Sonne und Mond in einer Linie stehen und ihre Anziehung zusätzlich zum Sturm die Welle hebt. Der Sturm ist besonders stark weil zwei extrem unterschiedlich temperierte Luftfronten aufeinandertreffen und sich dann schwindlig drehen. Mein Herz schlägt besonders schnell weil ich endlich gemerkt habe dass es sprechen kann und es seither fröhlich plappert wie um all die Jahre des Schweigens gut zu machen. Wie klar seine Sprache ist, so deutlich anders als die meines Gehirns, das immer die Diva war und sich auch so aufgeführt hat. Mein Herz spricht nicht in Worten, es zeigt mir seine Botschaft in Bildern und ganz mir zuliebe auch in Pflanzen wie etwa in Form des Gemeinen Katzenpfötchens (Antennaria dioica). Es kann sogar machen dass ich einen Duft rieche, der ganz neu und fremd ist und doch seltsam vertraut und der sich mit den Bildern fast plastisch in mein Gedächtnis brennt. Ich staune und vor Begeisterung über soviel Aufmerksamkeit entfacht es lauter kleine Feuer, eins hier, eins da, eins dort. Weiter so, Herz, brenne.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

gut gefedert


Eines der Büros in denen ich gearbeitet habe liegt direkt neben der vatikanischen Botschaft und als Benedikt zu Besuch kam waren Scharfschützen im Hof postiert. Die haben jeden unserer Schritte überwacht, auch mittags den Weg in die Falafelbude. Die Botschaft hat sich total in Unkosten gestürzt um dem Papst jede Annehmlichkeit zu bieten, unter anderem hat sie ein Bett aus deutscher Vogel-Kirsche (Prunus avium) anfertigen lassen und da die üblichen Maße irgendwie zu mickrig waren, wurde es in Popesize produziert. Benedikt hat dann aber gar nicht da geschlafen und das Bett ist bis heute unbenutzt. Diese Geschichte erzähle ich Andi, er liest lächelnd sowohl meine Gedanken als auch meine Hintergedanken. Wo soll ich es denn hinbringen fragt er. Ich würde gerne mal wieder eine Nacht im Freien verbringen und so stellt Andi das Bett in ein wildes Stück Siebengebirge abseits der Wege. Sobald es dämmert fangen wir an die Federung zu testen, wir schwingen über die Matratze, lassen uns von hohen Ästen fallen und hüpfen vergnügt auf der Polsterung herum. Obwohl Andi keine Kindheit auf der Erde hatte und sowas heute zum ersten Mal macht kann ich sehen dass er glücklich ist.

Dienstag, 3. Dezember 2013

magic

Auf das Glücksgefühl in Richtung Süden ist Verlass. Die Sonne steht tief und blendet allen Schmerz weg, bleicht Flecken von der Seele. Andi sagt das ist sogar für ihn ein Wunder, das er nicht erklären kann, wahrscheinlich wirkt hier entgegen des Wortsinns die Dunkle Energie. Ich finde es gut dass Andi mal etwas nicht weiß. Es scheint ihn in seinem Selbstverständnis als außerirdische Intelligenzbestie auch nicht zu irritieren, er bleibt ruhig und gelassen. Vielleicht freut er sich wie ich einfach über den warmen Glanz in unseren Herzen, wagt es aber nicht auszusprechen weil es mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Je weiter wir nach Süden kommen desto mehr Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia) blüht auf den Wiesen.

Sonntag, 1. Dezember 2013

camouflage


Penelope steht am Rhein und weint, lautlos kullern ihre Tränen ins Wasser. Ich lege meinen Arm um sie und spüre wie ihr Inneres bebt. Gut dass wir hier geschützt sind, die langen Äste der Trauerweiden (Salix babylonica) schirmen uns ab. Ich brauche sie nicht zu fragen was sie quält, denn ich kenne diesen Schmerz, der sich wie ein nasses Tuch auf die Seele legt und nicht durchblicken lässt, wo die Linderung ist. Also fange ich leise an zu summen, irgendein Kinderlied, dessen Text ich nicht mehr weiß aber die Melodie schon und langsam entspannt sich Penelope, lächelt und sagt, weißt du ich glaube ich muss mich ganz neu erfinden ich will nicht mehr nur ein Teil eines Zwillings sein. Elise hat das ja auch geschafft. Ich glaube das nicht, denn Elise ist hart wie eine Rüstung, aber das behalte ich für mich. Es wäre schade, wenn du dich neu erfindest sage ich zu Penelope, ich mag dich so wie du bist. Sie fängt wieder an zu weinen und wir schauen der Strömung zu, wie sie nach Norden wegfließt und neue Strömung von Süden nachkommt.