... davon kann ich nur träumen. Schon früh wurde ich zu
Sozialisationszwecken in die Herde geschickt, allein. Und natürlich sieht man
auf den ersten Blick, dass ich nicht dazu gehöre, auch wenn ich in die gleiche
Richtung laufe. Aber so ein Mitlaufen hinterlässt Spuren, bei beiden Spezies: Die Schafe
entwickeln eine Art von Toleranz gemäß ihres angeborenen Musters „Schwarzes
Schaf“ und ich gebe ernsthaft dem blauen Schaf eine Chance, das behauptet es
sei mein wahres Ich. Das geht natürlich zu weit, obwohl ich mein Interesse für
gute Gräser wie die gemeine Schafgarbe (Achillea
millefolium) nicht verhehlen kann. Auch meine Vorliebe für hundertprozent
Schurwolle ist ein Indiz, aber das war es dann auch schon. Alles andere schafartige
Verhalten dient eher der Ausrede ganz zu schweigen von den Balken in den Augen.
Meine neue Taktik ist einfach stehen bleiben und sie an mir vorbeiziehen
lassen. Denen fällt das nicht einmal auf und ganz ihrer Schafnatur entsprechend
drehen sie sich auch nicht um. Jetzt sind wir uns los, oder.
Mittwoch, 26. März 2014
Sonntag, 23. März 2014
Felspartie
Kreuzbergs Wirtschaft Tal der roten Traube ist alles
andere als beschaulich. Ich folge Elise auf einem steinigen Pfad zur hoch
gelegenen Burg, die Steillage ist atemberaubend. Zum Wummern der Bässe pfeifen
wir in die Luft und riesige Raben kommen geflogen. Einmal auf den Zinnen
gelandet werfen sie ihre glänzenden Federn ab und lächeln uns zu. Elise nimmt meine Hand
und führt mich zur Bar. Sie plaudert über ihr Begehren als wäre es ein
Waldspaziergang, doch ich spüre die Dornen auf der Bergseite und das brüchige
Geröll auf der Talseite. Dazwischen ist ein spektakulärer Korridor mit
herrlicher Vegetation, rosa Pfirsichblüten (Prunus persica) zarter als die weißen Schlehenblüten,
verführerisch wie die ersten lindgrünen Knospen der knorrigen Weinstöcke. Ich
sage zu Elise irgendetwas stimmt hier nicht, es gibt zu viele Adjektive. Ihre
Augen funkeln mich an, aah du hast es gemerkt, das alles hier ist nicht echt,
nur eine Kulisse, ein Spiel, eine Aufmerksamkeit, aber trotzdem schön oder? Ich
nicke.
Donnerstag, 20. März 2014
Schnee von gestern
Das Signal
ist überraschend klar sagen die Nachfolger von Albert Einstein. Sie sehen ein deutliches Abbild der Gravitationswellen von direkt nach dem
Urknall vor 14 Milliarden Jahren. Dieser Schnee von vorvorgestern
verschleiert sogar auf unseren Fernsehern die Sicht. Ich habe es geahnt,
flüstert mir mein Gehirn zu, das mit dem Treibholz im Fluss des Vergessens
klappt nicht. Es spricht mal wieder in Rätseln doch ich glaube ich weiß was es
meint. Egal was ich mache oder was ich versuche nicht mehr zu tun, die Wellen
des Erlebten holen mich wieder ein und nicht nur mich sondern einfach alle,
auch die Pflanzen inklusive Flechten (Lichen),
alle Tiere und sonstigen Wesensformen. Wenn ich es mir recht überlege,
teile ich die Begeisterung der Astronomen, die jetzt andächtig zuhören, was
ihnen die Signale aus der frühen Phase des Universums erzählen und sich dann
darüber streiten ob es nur ein, also unseres, oder noch andere Universen gibt,
die jetzt auf ihre Art diese Entdeckung feiern, sich mit buntem Sternenstaub
bewerfen oder so.
Montag, 17. März 2014
Bella
Die Hitze ist die Hölle. Ich fühle mich wie im Körper von
Bella aus Twilight, die auf fünfzig langatmigen Romanseiten extrem
schmerzhaft zu einem Vampir transformiert. Immer wenn der Schmerz als quasi
unerträglich beschrieben wird, steigert er sich auf der nächsten Seite noch einmal
um mindestens das Doppelte und das also ca. 50 Mal hintereinander. Äußerlich
ist Bella nichts anzumerken, in ihrem blauen Seidenkleid liegt sie friedlich
auf der Unterlage während es in ihrem Innern tobt, das heißt alle Zellen,
Sehnen und alles Gewebe werden mit Vampirgift versiegelt und für das zukünftige
untote Leben präserviert. Ihre Vampirfamilie steht mit roten Augen um sie herum
und wundert sich, dass Bella nicht schreit, tobt oder zittert. Ich glaube das
ist bei mir auch so und zwar, weil ich mich schon lange auf diesen Brennvorgang
vorbereitet habe, dass mich nichts, aber auch rein gar nichts davon abhalten
kann diese Qualen durchzustehen und das obwohl ich (wie Bella) nicht genau
weiß, was am Ende herauskommt, außer dass ich wahrscheinlich kein Vampir sein
werde. Jetzt sticht jemand mit einem Feuerdorn (Pyracantha) brutal in mein Fleisch und sagt, halt durch, du musst
noch etwas weiter schmoren.
Samstag, 15. März 2014
no mosquito
Meine Tochter und ihre Freundin verteilen kleine
australische Glückspäckchen. Sie riechen nach Zimt und Vanille (Vanilla
planifolia),
nach Mango und Passionsfrucht, nach Freiheit und grünem Meerwasser. In
ihrem Gepäck ist ein neues Leben. Die Erleichterung, mit Malaysia Airlines von
Kuala Lumpur geflogen zu sein und nicht in einem verschwundenen Flugzeug zu
landen, ist mit Händen zu greifen. Sie weinen Freudentränen, dann lachen sie
wieder und sind schöner als jemals zuvor. Wie sie es gemacht haben, diese
warmen Temperaturen mitzubringen, um ihre goldene Haut nicht unter kratzigen
Pullovern verstecken zu müssen, verraten sie nicht. Sie hängen Moskitonetze
über ihre Betten und schlafen, schlafen, schlafen bis sich ihre exotischen
Träume mit dem Kölner Frohsinn zu einem jecken Cocktail vermischen. Dann
trinken sie Erdbeersekt und essen Mettbrötchen. Welcome back!
Montag, 10. März 2014
Feigenbaum-Konstante
„Ich habe etwas Wichtiges entdeckt.“
„Ach ja, was denn?“
„Das Chaos ist eine fundamentale Konstante in meinem Leben.“
„Das glaube ich nicht. Was du als Chaos bezeichnest ist der
ganz normale Wahnsinn.“
„Diese wirbelnde Dynamik soll normal sein?“
„Sei doch froh! Langeweile wäre viel schlimmer. Ich finde es
hochinteressant was so alles passiert.“
„Jedenfalls habe ich einen Feigenbaum (ficus carica) gepflanzt. Er hat schon Knospen.“
„Kein Wunder bei dem Wetter.“
„Der Baum schließt diese auffällige Lücke in unserem Garten wo
früher die Satellitenschüssel stand.“
„An der alten Steinmauer? Ein schöner Platz. Warum Feige und
nicht Apfel?“
„....oder Kirsche? Ich weiß nicht, es war eine spontane
Entscheidung.“
„Haha, siehst du, das ist der Unterschied!“
Sonntag, 2. März 2014
Traumfrau
Mein Freund der Ex-Banker (und Ex-Zombie) erzählt mir von
seiner Traumfrau, also der Frau von der er träumt. Da man Träume ja (noch)
nicht steuern kann wie in Inception zum Beispiel, kann er auch nix dafür, dass
es in seinen Träumen so richtig zur Sache geht. Ich frage ihn erstaunt ob er
nicht Traum mit Fantasie verwechselt. Er lacht sein schönes entspanntes Lachen,
das er erst so lacht seit er aus der Bank raus ist und meint das wäre ihm egal
weil er ist froh, dass diese Frau nur in seinen Träumen ist und nicht
irgendeine die er kennt. Denn dann würde er wahrscheinlich immer Ausschau nach
ihr halten und das würde seine Ehefrau merken, er ist ja glücklich verheiratet
und auf noch einen Ex-Titel hat er keine Lust. Er schildert sehr anschaulich einige
Details in seinen Träumen und er und ich werden abwechselnd rot und müssen schnell
einen Schluck Krambambuli (Juniperus spirituosus) trinken,
aber trotzdem ist es ihm oder mir nicht peinlich, denn seit wir uns erzählen
was wir so träumen waren da schon echt viel abgefahrenere und peinlichere
Sachen dabei.
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