Donnerstag, 30. Januar 2014

greifbar nah


„Was ist eigentlich aus dem Chaos geworden?“
„Ich habe mir im Anfangsstadium die Finger verbrannt.“
„Echt? Warum das denn?“
„Na ja, ich spiele eben gerne mit dem Feuer.“
„Also selber Schuld, haha!“
„Dafür habe ich jetzt diese schöne Narbe, sieht aus wie eine Himbeere (Rubus idaeus), findest du nicht?“
„Stimmt! Als Erinnerung oder als Mahnung?“
„Beides, aber ich glaube es ist noch nicht vorbei.“
„Wieso? Sieht doch schön ordentlich aus hier bei dir.“
„Die leeren Flächen brauche ich für meine Projektionen.“
„Ich dachte die Lösung kommt von ganz alleine, als Auflösung sozusagen.“
„Normal schon. Vielleicht ist sie bereits greifbar nah.“
„Die Mandelplätzchen sind lecker, probier mal.“
„Stört es dich, wenn ich sie in meinen Kaffee tauche?“
„Nö, mach nur. Ich mag es lieber wenn sie knacken.“

Dienstag, 28. Januar 2014

It´s a gift


In meiner Tür steht ein Mann der sagt er ist ein Transformator. Ich bin nicht sicher was er damit meint und traue mich auch nicht zu fragen, denn ich spüre ab der ersten Sekunde eine deutliche Spannung zwischen uns – keine dieser spannenden Spannungen sondern eher eine von diesen die zu unangenehmen Verwicklungen führen. Vor meinem inneren Auge spult sich ein Film von früher ab und ich glaube der Transformator kann ihn sehen. Er fragt mich freundlich ob er Korrekturen vornehmen soll, er kann den Film zum Beispiel anders wickeln und das hat schon enorme Auswirkungen. Ich überlege fieberhaft und stehe irgendwie unter Strom. Meine Gedanken drehen sich im Kreis, was soll ich antworten. Ich bin auf diese Begegnung nicht gefasst und will nicht, dass der Transformator mich wie ein Bauelement ansieht wo er doch selbst eines ist. Also sage ich laut und deutlich dass ich zurzeit keine Umwandlung wünsche und bedanke mich höflich für seinen Besuch. Sein magnetischer Blick löst sich von mir, er greift in seine Tasche und schenkt mir zur Erinnerung einen Eisenhut (Aconitum). Er weiß wohl um dessen tödliches Gift, er weiß aber nicht dass ich es auch weiß.


Sonntag, 26. Januar 2014

Survival Day

Meine Tochter und ihre Freundin feiern heute den australischen Nationalfeiertag in Byron Bay, laut Forbes Magazine ist dort der sexiest Beach of the World. Ganz im Einklang mit dem Enkel seines berühmten Namensgebers scheinen die gutaussehenden braungebrannten Surfer direkte Nachfahren der Helden in Lord Byrons Dichtung zu sein – geprägt von der Ablehnung althergebrachter Strukturen, intelligent, mutig und leidenschaftlich, jedoch gleichermaßen rastlos, verletzlich und einsam.... neee, also vielleicht doch nicht. Es wird mega- und mallemäßig gefeiert, sagt meine Tochter mit einem besorgten Blick auf ihre Freundin, die gerade erfahren hat, dass Australiens höchster Berg Big Ben heißt und sich dabei vor Lachen verschluckt hat und zu ersticken droht. Das britische Empire ist allgegenwärtig trotz der Tatsache, dass Australien in der Botanik als eigenes Florenreich Australis geführt wird und die Gold-Akazie (Acacia pycnantha) das Nationale Blumensymbol und im Wappen abgebildet ist. Irgendwann in der Nacht erklingen sanfte Gitarrenklänge und eine Stimme, die direkt aus dem Reich der australischen Ureinwohner zu kommen scheint.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Big Picture


Die Elise-Episoden sind abgedreht, auf nach Hollywood (Ilex aquifolium). Seit wir das Parfüm nicht gemacht haben sprechen wir jenseits des Drehbuchs über den Sinn des Lebens und was uns die großen Momente verschafft, die es süß und schwer machen. Wir beschließen die Kostümierung hinter uns zu lassen und uns der Einfachheit der täglichen Ereignisse zu stellen. Ein kleiner Rest Traurigkeit bleibt bei der Erinnerung an das Vorher das jetzt vorbei ist. Melancholie werten wir als tiefe Empfindung. Elise ist in der Postproduktion und wird das Material noch eine Weile bearbeiten bis es den Schnitt hat den alle sehen wollen. Ich werde mich nun der interpretativen Semantik zuwenden, nachdem ich mich in der Vergangenheit zu sehr auf die Syntax konzentriert und das große Bild aus den Augen verloren habe. Darauf freue ich mich: aus den Tiefen endlich an die Oberfläche aufzutauchen, im seichten Wasser plantschen, Laute des Entzückens ausstoßen, den Überblick bis an den Horizont genießen und all die Möglichkeiten erwägen. Das könnte glatt ein Happy End werden.


Dienstag, 21. Januar 2014

absolut.


Das Thema Transformation wird nun von hochprozentigen Produkten dominiert, das ist ganz schön gewagt, denn eigentlich ist ja klar was aus so einer Transphase resultiert, menschliche Wracks, die ihr Zombiedasein durch erneute Transformation überwinden müssen wenn sie das wollen. Sie können sich natürlich auch zu Tode saufen sozusagen als konsequenteste Umsetzung der Umwandlung von Materie. Neeee, ich bin nicht gegen Alkohol, dafür liebe ich das Design von Cocktailbars zu sehr und alkoholfreie Drinks finde ich lächerlich, mich beeindruckt wenn jemand einen ganz bestimmten kaum aussprechbaren schottischen Whiskey beim Barkeeper bestellt, das zieht sich ja auch als besonderes Autorinnenzitat durch die Romane genauso wie die Nennung von total sophisticated Musikstücken, aufgenommen zum Beispiel 1957 von dem einen großen Orchester, das dies zusammen mit dieser Sängerin, von der kaum jemand jemals gehört hat, nur einmal gemacht hat, aber es gibt eine Platte davon und die spielt der männliche Protagonist auf seinem Hightechplattenspieler. Ich komme mir dann immer extrem ungebildet vor. Mein Pflanzenwissen hat im Vergleich dazu den Ruch des Einfältigen, denn wen interessiert schon, dass ich zu Hause eine Wermut-Pflanze (Artemisia vulgaris) habe, deren bittere Aromastoffe den Geschmack vieler Aperitifs ausmacht, nicht nur die bekannten billigen Sorten und deren Blätter samtig glänzen - absolut niemanden.

Sonntag, 19. Januar 2014

subsp.


Der Teufel ist unser Gast, er kommt mit Wildem Wein (Vitis vinifera subsp. sylvestris), wir wissen nicht wer ihn eingeladen hat. Elise trägt das Kostüm einer Köchin, sie kocht für eine mitteleuropäische Heidengesellschaft. Der Teufel setzt sich dazu und grinst. Alle rücken ein Stück weg. Ich stelle ihm einen Teller hin, der nicht zu den anderen Tellern passt und sein dunkles Auge betrachtet mich kritisch. Ich bin nur die Küchenmagd, aber ich kann Zaubersprüche und schwarze Magie. In meinem Zimmer habe ich den Teufel an die Wand gemalt und ihm Reißzwecken zwischen die Rippen gestoßen. Er dürfte es hier heute Abend nicht lange machen bevor er tierische Schmerzen in seinen Eingeweiden hat. Elise mischt außerdem noch etwas Gift in sein Essen, Pulver von bittersüßem Nachtschatten, so fein gemahlen wie Pfeffer, er kann es unter den vielen Gewürzen und Kräutern nicht herausriechen. Als sich der Teufel in Krämpfen auf dem Boden windet, prosten sich alle wild mit dem Wein zu und werfen die Gläser nach ihm. 

Freitag, 17. Januar 2014

the beach


Für meine Tochter und ihre Freundin fühlt sich dieses Gefangensein in Raum und Zeit an wie das Paradies. Sie schaffen es einfach nicht sich von Airlie Beach zu trennen obwohl es keine Insel ist und obwohl es an der Küste entlang bis Brisbane nur schlappe 1.135 Kilometer sind; nach Sidney sind es 1.850 und nach Melbourne 2.450 Kilometer. Sie habe ihre Bedürfnisse auf das Wesentliche heruntergeschraubt: Nach einer Nacht im grünen Campingminivan kurz in den kristallklaren Ozean eintauchen, den einheimischen Fischern zuwinken, dann einen ruhigen Tag unter Palmen (Cocos nucifera) verbringen und abends am Feuer sitzen bis sich nach einigen Drinks wohlige Müdigkeit einstellt. Eigentlich müssten sie weiterfahren um diese Entfernungen zu schaffen und es könnte durchaus sein, dass es unterwegs weitere völlig abgeschiedene kleine wunderschöne Orte gibt, die schon beim Hineinfahren so aussehen als würde man nie wieder weg wollen. Meine Tochter sagt, die Menschen würden hier vor Glück leuchten wie nachts das Meer. Morgen müssen sie weiter, warum nur.