Dienstag, 9. Februar 2010

Schornsteinfeger

Der Schornsteinfeger kommt und fegt im Keller den Schornstein. Ein sehr netter und äußerst gesprächiger Mann mit einem Ohrring. Im Berliner Untergrund ist es kalt, aber ihn stört nicht, dass ich zittere wie Espenlaub (Populus tremulum). Er erzählt von seiner Freundin, mit der er ein Kind hat und dann gibt es noch ein zehnjähriges Mädchen von ihrem Exmann, für das der keinen Unterhalt bezahlt. Das Mädchen nimmt er mit zum Modellfliegen und erklärt ihr die Technik der Fernsteuerung. Frauen sollten technisch Bescheid wissen, findet er. Sonst sind sie ihr Leben lang der Meinung, Männer sind dafür da Nägel in die Wand zu schlagen oder Autoreifen zu wechseln. Neulich hat ihm eine Frau gezeigt, wo bei einem gerade neu auf den Markt gekommenen Mercedes das Ölventil ist. Er hat es nicht gefunden, die Frau schon. Das hat ihn beeindruckt. In den anderthalb Stunden, in denen er den Kamin fegt, erfahre ich noch viele Details aus seinem Leben. Langweilig ist er nicht, er macht Witze, die wirklich lustig sind. Ich nicke und lache. Dann berühre ich ihn kurz.

Freitag, 5. Februar 2010

König mit Herz

Blauer Ritter auf schwarzem Pferd reitet durch meinen Traum. Er sieht aus wie Robert Pattinson ohne Vampirschminke und hält einen goldenen Kelch. Zu seinem hellblauen Gewand trägt er wasserblaue Augen und eine Kappe aus Kalbsleder. Im Traum weiß ich solche Sachen: welche Art Leder und was in dem Kelch ist. Die Liebe. Ganz vorsichtig balanciert er die Liebe auf seiner Hand, sie darf auf keinen Fall runterfallen. Auch das Pferd passt auf, dass der Liebe nichts passiert. Der Ritter bringt die Liebe zu seinem König. Ein König mit Herz. Dumm nur, dass er mir im Traum begegnet. Ich springe aus meinem Hinterhalt und reiße den Kelch an mich, dem Ritter drohe ich mit dem gefährlichen Ast der Schwarzpappel (Populus nigra). Gib mir die Liebe zurück, ruft er. Nein. Er weiß nicht, wie lange ich auf diese Liebe gewartet habe. Ich gebe sie unter keinen Umständen zurück. Schon spüre ich, wie ihre Wärme in meinen Körper fließt, meine Fantasie beflügelt und meine Seele tröstet.

Montag, 1. Februar 2010

Energie

muss fließen. Was nützt sie mir, wenn sie irgendwo drinsteckt, aber nicht herauskommt. Diese Tennisbälle, die zurzeit vom Himmel schweben, sind pure Energie. Wie Sahne schmelzen sie an meiner Haut herunter und kitzeln mich mit ihrer Kälte. Kurz darauf prasseln sie wie Kastanien (Aesculus hippocastanum) und ich suche Schutz hinter einer Mauer. Wie ich da gekrümmt stehe und den Schutz nicht finde, schüttelt mich ein Schluchzen. Aua. Zuviel Energie auf einmal. Doch schon schweben sie wieder und mein Heulen versiegt. Ich kann meinen Antrieb irgendwie nicht steuern. Meistens schieße ich über das Ziel hinaus, weil ich zuviel Schub habe. Pralle dann an Wände oder Mauern und höre mir Lieder über die Erotik blauer Flecken an. Drücke auf einen meiner hundert und verfolge den Schmerz bis er den Kopf erreicht. Nicht schlecht. Am besten sind Begegnungen mit Menschen (Andi), bei denen es sofort funkt und man nur noch anstandshalber ein wenig Zeit mit Kaffeetrinken verbringt, bevor man der Energie freien Lauf lässt.

Sonntag, 31. Januar 2010

Mit Wolle durch den Winter (3)

Ein gutaussehender Jack Wolfskin (gelb mit schwarzen Nähten) sitzt mir gegenüber und strickt. Blaue Wolle aus weißer Plastiktüte. Da ich sowieso in seine Richtung gucken muss, fällt es nicht auf, dass ich ihn anstarre. Ihm sowieso nicht, denn er arbeitet konzentriert an einem Stück Zopfmuster oder so. Er kommt bestimmt aus einem multikulturellen Performermilieu – sieht ein bisschen schwedisch oder finnisch aus, Wasseraugen und die Ruhe der lichtlosen Wintertage. Vielleicht ist er auch eher hedonistisch subkulturell, auf keinen Fall jedoch adaptiv bürgerlich sozialisiert, sonst würde er nicht in der Öffentlichkeit stricken. Plötzlich lächelt er mich an, weil ich ganz in Gedanken versunken immer noch auf seine linken Hände schaue. Ich lächle zurück und erröte in der Farbe des brennenden Teufelsauges (Adonis flammea). Früher habe ich meinen Freunden solche Mützen gemacht, wie er eine aufhat. Im Nachhinein ist diese Post-Hippie-Zeit ziemlich cool. Oder unterliege ich wieder dem Irrtum der euphemistischen Edit-Funktion? Manchmal passiert mir das.

Mittwoch, 27. Januar 2010

monochrom


Eine angesagte Bar. Unterwegs mit M auf der Suche nach dem ultimativen Mixgetränk. Draußen ein Meter Schnee, innen weißes Leder, helle Tische aus Glimmergranit und Rauchen ist erlaubt. In silbernen Vasen schwimmen blasse Seerosen und Weiße Waldrebe (Clematis vitalba). Beeindruckt vom Ambiente bestellen wir Gintonic und Virgin Pink Mojito. Der rote Klecks in meinem Drink zieht die Aufmerksamkeit auf sich, die Minze ist gezuckert, damit sie nicht so grün ist. Am frühen Abend ist die Bar fast leer. Wir trinken, inhalieren den passiven Rauch und sind uns schnell einig in der irrigen Annahme, wir könnten durch Nähe Einsicht erfahren. Persönliche Nähe schafft meistens Missverständnisse. Nichts ist so wie man es gerne hätte. Die Gefühle rasen aneinander vorbei oder vielleicht ist nur das eigene Blut nahe dem Siedepunkt und man blubbert und hechelt und keucht, während der andere aus dem Fenster sieht. Wir bestellen Moscow Mule und Red Hot Chili Pepper. Während das Gurkengetränk in zarter Farbe daherkommt, lenkt meine Chilischote wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Teufel, der Drink ist scharf! Genial, nur ein Hauch Pfeffer und meine Geschmacksknospen drehen durch. Nichts ist wie es scheint.

Sonntag, 24. Januar 2010

köln_marathon

Allen Schneesturmwarnungen zum Trotz absolviere ich eine nächtliche Trainingseinheit. Die Nord-Süd-Achse führt mich weg vom Domschatten, vorbei am New Yorker, forever 18 und Miss Sixty, am gähnenden Loch von Ground Zero, des tief in den Untergrund gestürzten Stadtarchivs. Die Geschwindigkeit glüht in meinem Kopf, der eisige Wind fühlt sich an wie Monsun. Ich bin ein fuckin` Adrenalin-Junkie. Gib mir etwas Scharfes und ich fliege den Marathon. Gib mir einen Abgrund und ich springe hinunter, beiße mir auf die Lippen und schmecke das Blut. Mische es mit einigen Tropfen Goldigem Milchstern (Ornitholagum umbellatum) gegen den akuten Schmerz und die überwältigenden Gefühlsreaktionen. Wie kann eine ausgestorbene Stadt so aufregend sein?

Freitag, 22. Januar 2010

whatsoever


Meine Tochter und ihre Freundin machen Praktikum im Kindergarten. Jeden Morgen die kleinen Stühle von den Tischen nehmen und die Kids aus fünf Schichten Winterklamotten schälen. Abends mit krummem Rücken nach Hause gehen, unterm Arm die selbstgemalten Bilder, die ihr die Kinder geschenkt haben. Jeden Tag bringen sie mehr Bilder oder malen welche für sie, sie lieben sie. Sie erzählt, ein Junge sitzt den ganzen Tag neben ihr und streichelt ihr den Arm. Abends trifft sie ihren Freund. Er gibt ihr heiße Schokolade und trainiert seinen Körper, weil sie Waschbrett mag und starke Arme, die sie beschützen. Sie braucht Schutz vor der Helligkeit, sagt, ich mag die Sonne nicht. Wenn es dunkel wird, blüht sie auf, schwärzt ihre Augen und blinzelt in die künstliche Beleuchtung. Ihre Haut schimmert golden und ihr Haar glänzt wie poliertes Holz. Die Höhen und Tiefen einer suchenden Seele kann sie nur schwer nachempfinden. Warum geht jemand für zwei Jahre in den Wald? Und warum muss sie lesen, wie es dort war? Interessiert sie nicht, was dieser hässliche Mann dort gemacht hat. Wäre er von den Wölfen gefressen worden, hätte es niemand jemals erfahren. Ihr Freund sagt, die Sonne ist gut für dich. Sie schüttelt den Kopf. Er reicht ihr eine Möhre (Daucus carota), da ist auch Vitamin D drin, nimm sie!