In der Haarnadelkurve
blitzt kurz etwas auf, eine Kupfermünze. Als ich sie fast berühre
bewegt sich etwas in meinem Augenwinkel und ein Déjà-vu schüttelt mich. Es ist
ein heftiges Déjà-vu, eine Begegnung mit etwas Wildem. Verwirrt richte ich mich
auf und schaue mich um. Nichts. Wahrscheinlich nur ein Produkt meiner
Phantasie. Vielleicht auch ein Fragment aus der Erinnerung oder eine
ungeordneter Mix aus dem Kurz- und Langzeitgedächtnis. Warum gaukelt mir mein
Gehirn das Wilde vor? Will es mich täuschen, indem es mit meinen kostbaren
Schätzen jongliert. Es denkt wie immer es sind auch seine und will mal wieder
alles teilen. Manchmal geht mir seine symbiotische Anhänglichkeit ganz schön
auf die Nerven. Wobei, die Déjà-vus haben schon ihren speziellen Reiz, das muss
ich zugeben, vor allem, wenn mein Körper kurzfristig von Gänsehaut überzogen
wird. Meine Augen scannen den Boden nach Wiederholung ab, doch sie sehen nur einen
Teppich aus Glücksklee (Oxalis tetraphylla).
Dienstag, 15. April 2014
Donnerstag, 10. April 2014
Roter Apollo
Intelligenz braucht eine stimulierende Umwelt, sonst kann
sie sich nicht entwickeln, das gilt auch für Hunde. Die schlaue Frau hat einen
klugen Hund, weil sie immer zusammen unterwegs sind. Zum Beispiel dort im
Siebengebirge, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, das Wild über die Wege
wechselt und der Hirsch röhrt. Auf den kleinen Pfaden, wo sie mit viel Glück
dem roten Apollo begegnen, diesem stark bedrohten und streng geschützten
Schmetterling aus der glamourösen Familie der Ritterfalter. Für die Frau und
den Hund ist der Falter tabu; sie erfreuen sich an seinem Anblick und sollte
gerade zufällig eine Läuferin wie ich vorbeitraben, passen sie auf dass ihm
nichts passiert. Sie stellen sich wie eine Mauer vor die Frauendistel (Carlina acaulis) und lassen ihn in Ruhe Nektar saugen. Wen
kümmert es schon, dass die Distel früher für die Behandlung von
Schweinekrankheiten eingesetzt wurde, das ist nur so eine Spezialinformation
für intelligente Hundebesitzerinnen.
Montag, 7. April 2014
Markenmelone
Ich liebe diese Inszenierung. Paul Spinat, prominenter und
stolzer ehemaliger Eigentümer von Schloss Drachenfels, fährt mit seinem
goldenen Rolls Royce durch das Siebengebirge. Neben ihm sitzt Andy Warhol und
im Fonds seit neuestem Lady Gaga. Wer das nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt
die Geschichte nicht. Aber sie ist wahr, okay, abgesehen von Lady Gaga, die ist
sozusagen das Zugeständnis zur Gegenwart und absolut stimmig. Paul Spinat trägt
einen seiner vielen Hüte, eine Melone und versucht in schlechtem Englisch
Konversation zu machen. Das Bad English stört die Stars nicht, sie sind es
gewöhnt. Außerdem sind sie hin und weg von der Schönheit der blühenden
Streuobstwiesen und äußerst kreativ im Versuch, dieses schwierige Wort im
Original auszusprechen. Sie legen ihre Picknickdecke unter einen Kulturapfelbaum
(Malus domestica), blicken
in den weißgetupften Himmel und schlürfen Pauls Spezialcocktail. Selten ist
ihnen eine Ruhe wie diese vergönnt, eine Idylle, die sich tief in ihre Herzen
senkt und die sie dazu bewegen wird, der Einladung Spinats auch nächstes Jahr
zu folgen.
Donnerstag, 3. April 2014
Reiseis
Die totale optische und auch ansonsten kognitive Täuschung
ist Reiseis. Das nach Rosenwasser duftende Häufchen Halbgefrorene verspricht
eine zarte Berührung mit der Zunge. Die weiße Farbe suggeriert Reinheit und Unschuld,
die gedankliche Verbindung von Reis mit Süß weckt Kindheitserinnerungen an Mamas
Milchreis (das ist nicht für alle eine schöne Erinnerung, ich weiß). Ich sitze also
mit meinem Freund, dem Ex-Banker im Gartenlokal und freue mich wie eine
Prinzessin auf das Dessert. Ich kann die Augen gar nicht von ihm abwenden, denn
er trägt seine Haare jetzt schulterlang und sieht aus wie früher Winnetou. Ich
habe Winnetou geliebt. Und irgendwie mag ich lange Haare bei Männern, aber
natürlich nur wenn sie glänzen wie die Blütenblätter der vortrefflichen Tulpe (Tulipa praestans). Die Leute, die an
unserem Tisch vorbei gehen, schauen uns an. Jetzt wird das Reiseis serviert.
Der erste Bissen bleibt mir im Hals stecken, mein Gehirn rebelliert. Spuck aus!
brüllt es, doch meine Manieren siegen und ich schlucke einmal. Die Kellnerin
schickt den Koch raus, der erklärt die Authentizität der Nachspeise und der
Ex-Banker muss sich beherrschen ihm nicht das Tellerchen auf die Schürze zu
schmieren.
Montag, 31. März 2014
to unbrainwash
„Ich habe heute meine alte Klavierlehrerin getroffen.“
„Oh, und?“
„Sie hat mich gefragt, ob ich glücklich bin. Sie riet mir früher im Musikunterricht, wenn ich im Leben glücklich werden will, dann
soll ich immer genau das Gegenteil davon machen was mir mein Gehirn sagt.“
„Und? Hast du ihren Rat befolgt?“
„Du kennst mich doch!“
„Ja, du bist leichtsinnig, impulsiv, abenteuerlustig und
absolut liebenswert. Bist du auch glücklich?“
„Aber ja! Meistens jedenfalls.“
„Zurzeit nicht?“
„Es geht. Ich habe mich ein wenig in Konventionen
verstrickt.“
„Und dein Gehirn verlangt Gehorsam, ich kenne das.“
„Ich hasse das!“
„Aber du kannst es austricksen und du weißt auch wie, oder?“
„Haha, ja klar! Gib schon her, das kleine Beutelchen!“
„Erstaunlich, dass sich ein so komplexes Gebilde mit ein
wenig Süßholzraspeln (Glycyrrhiza glabra)
beeinflussen lässt.“
Mittwoch, 26. März 2014
Schaflos in ...
... davon kann ich nur träumen. Schon früh wurde ich zu
Sozialisationszwecken in die Herde geschickt, allein. Und natürlich sieht man
auf den ersten Blick, dass ich nicht dazu gehöre, auch wenn ich in die gleiche
Richtung laufe. Aber so ein Mitlaufen hinterlässt Spuren, bei beiden Spezies: Die Schafe
entwickeln eine Art von Toleranz gemäß ihres angeborenen Musters „Schwarzes
Schaf“ und ich gebe ernsthaft dem blauen Schaf eine Chance, das behauptet es
sei mein wahres Ich. Das geht natürlich zu weit, obwohl ich mein Interesse für
gute Gräser wie die gemeine Schafgarbe (Achillea
millefolium) nicht verhehlen kann. Auch meine Vorliebe für hundertprozent
Schurwolle ist ein Indiz, aber das war es dann auch schon. Alles andere schafartige
Verhalten dient eher der Ausrede ganz zu schweigen von den Balken in den Augen.
Meine neue Taktik ist einfach stehen bleiben und sie an mir vorbeiziehen
lassen. Denen fällt das nicht einmal auf und ganz ihrer Schafnatur entsprechend
drehen sie sich auch nicht um. Jetzt sind wir uns los, oder.
Sonntag, 23. März 2014
Felspartie
Kreuzbergs Wirtschaft Tal der roten Traube ist alles
andere als beschaulich. Ich folge Elise auf einem steinigen Pfad zur hoch
gelegenen Burg, die Steillage ist atemberaubend. Zum Wummern der Bässe pfeifen
wir in die Luft und riesige Raben kommen geflogen. Einmal auf den Zinnen
gelandet werfen sie ihre glänzenden Federn ab und lächeln uns zu. Elise nimmt meine Hand
und führt mich zur Bar. Sie plaudert über ihr Begehren als wäre es ein
Waldspaziergang, doch ich spüre die Dornen auf der Bergseite und das brüchige
Geröll auf der Talseite. Dazwischen ist ein spektakulärer Korridor mit
herrlicher Vegetation, rosa Pfirsichblüten (Prunus persica) zarter als die weißen Schlehenblüten,
verführerisch wie die ersten lindgrünen Knospen der knorrigen Weinstöcke. Ich
sage zu Elise irgendetwas stimmt hier nicht, es gibt zu viele Adjektive. Ihre
Augen funkeln mich an, aah du hast es gemerkt, das alles hier ist nicht echt,
nur eine Kulisse, ein Spiel, eine Aufmerksamkeit, aber trotzdem schön oder? Ich
nicke.
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