Donnerstag, 13. Mai 2010

DoppelNull

An der Saale entlang auf dem Weg nach – München. So lieblich, so frühlingshaft lau, so hellgrün und voller Burgen. Auf den Feldern grellgelber Raps (Brassica napus). Wozu leuchtet der so intensiv? Auch ohne Sonne denke ich sie scheint. Die Bienen sollen kommen und ihren Job machen. Rapshonig produzieren, den ich mir dann aufs Brot und in den Yogitee tun kann. Rapsöl soll ja gesünder sein als Olivenöl – wegen der essentiellen Säuren und der DoppelNull: null Erucasäure und null Glucosinolate. Deshalb gut bekömmlich und sehr gesund. OK, ich mag trotzdem lieber Olivenöl, weil das nicht nach Biodiesel schmeckt und nicht nach Kosmetikindustrie riecht. Das Beste an den Rapsfeldern ist ja, dass sie nach Norden an mir vorüberziehen und ich gleich die Grenze nach Bayern überschreite. Die gefühlte Lebensqualität steigt sofort. Vorfreude auf weißes Bier, dicke Bettdecken und die Berge. Habe die Wanderschuhe schon an, damit kein Zweifel aufkommt, dass es dieses Mal richtig in die Alpen geht. Mit dem Bus über den Brenner nach Bozen. Aber jetzt erstmal Bayern durchqueren und genießen.

Dienstag, 11. Mai 2010

Guter Heinrich

Mein Fahrrad hat eine Maus getötet. Sie kommt aus der Hecke gewetzt und läuft mir direkt in die Speichen. Es knackt kurz – und ihr kleines Genick ist hin. Mausetot. Meine Hände fangen an zu zittern, das ist der Schock. Mann! Wie kann denn das passieren? Ich meine, wie groß ist die mathematische Wahrscheinlichkeit, dass mir eine Maus vor die Räder rennt? Mein aufgeregtes Herz beruhigt sich wieder und ich bin froh, dass es kein größeres Tier war, ein Katze oder ein Eichhörnchen, ein Vogel oder gar ein Hund. Meine Güte, da darf ich gar nicht dran denken. Durch mein bodenlanges Fenster im Büro sehe ich manchmal eine Maus über den gepflasterten Hof laufen. Als wäre sie mit einer Sprungfeder ausgestattet, hüpft sie durch den Jägerzaun und huscht blitzschnell auf die andere Seite. Ohne zu gucken. Vielleicht guckt sie auch vorher und ich sehe es nicht. Aus dieser Entfernung kann ich nicht erkennen, wohin die Maus guckt, ich sehe sie ja immer erst, wenn sie rennt. Sie kommt dann mit irgendwas im Maul zurück, vielleicht einem Stängel vom Guten Heinrich (Chenopodium bonus-henricus), das soll schmecken wie Erdnussbutter und verschwindet wieder.

Sonntag, 9. Mai 2010

Underdog

Laufe ich nachts an der Skalitzer Straße entlang und merke, da kommt jemand von hinten, denke ich: please don´t stab me. Mein Rücken pumpt sich auf (soweit das geht), mein Schritt wird militärisch. Ich demonstriere stahlharten Widerstand. Keine Chance für ein Messer, die weiche Haut, die zarten Lungen, das weiße Fleisch zu durchdringen und nachhaltigen Schaden anzurichten. Schmerz. Nein, der von hinten kommt, ist harmlos. Ein Punk auf dem Fahrrad. Er schreit mir ins Ohr, als er auf gleicher Höhe ist, doch ich bin vorbereitet und grinse ihn breit an, bevor ich ihm mit dem Metallring um meine kleine Faust eine reinhaue. Damit hat er nicht gerechnet, er fällt vom Rad und blutet wie ein Schwein. Bevor er wütend wird, wundert er sich, wo ich geblieben bin. Ich bin schon weg, wozu sonst sollte mein tägliches Lauftraining gut sein. Schlage mich in die Büsche, durch die Berliner Brachen und den ganzen Schutt, hier wächst Gemeiner Beinwell (Symphytum officinale), auch Schwarzwurz genannt. Komme mir jetzt selber vor wie ein Underdog. So ein Punk hat keine Kondition. Keine Chance für ihn mich einzuholen. Dabei finde ich Punks interessant. Mir wäre es lieber gewesen, er wäre kein Punk, so war es, als hätte ich einen Bruder geschlagen.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Cadiz

Eine große Welle und diese Stadt wäre weg. Ein schmaler befestigter Damm verbindet sie mit dem Festland, das aber schon seit Jahrhunderten - Jahrtausenden, wenn man das Forum Romanum betrachtet. Seit Tausenden von Jahren hat also keine Welle die Stadt erfasst. Der tosende Atlantik schickt seine Winterstürme über sie, aber geschluckt hat er sie nicht. Eine Beklemmung erfasst uns, als wir in die engen Gassen treten. Der Himmel wird zu einem schmalen Band, aus dem fächerförmig die weißeisernen Balkone fallen, Stockwerke tief. Manche sind auch Stuck, Fresko oder Keramik. Die Kacheln schlagen uns in ihren Bann und wir geraten in Verzückung über die kunstvoll gefließten Innenhöfe. Maurische Muster, Blumen, Ranken, Ornamente. Wir lassen uns gehen. Die Willkür unserer Richtungswechsel führt uns in die Shoppingmeile. Von der Plaza San Antonio bis zur Kathedrale. Auf dem Blumenmarkt duften die Nelken (Dianthi) . Ich liebe diese Blumen, bei uns haben sie einen schnöden Ruf. Wir kaufen Schuhe, bunte Blusen und T-Shirts made in España. Die Stadt ist großartig.

Samstag, 1. Mai 2010

Snake in the Sun

Mitten in der blühenden Graslandschaft Andalusiens hat er eine riesige Vase in den Hang gegraben. Olafur Eliasson. Meine Tochter, ihre Freundin und ich betreten die Vase durch einen tempelartigen Eingang. Das gefilterte Licht bricht sich in dem Pool, der die Vase umgibt, Blau um Schwarz. Andächtige Stille. Wir sind die Einzigen. Wenn wir jetzt durch dieses kleine runde Loch in der Decke in den Himmel gezogen würden – niemand würde es merken. Wofür ist die Plattform wenn nicht fürs Beamen? Andi. Kannst du uns sehen? Ein Pfau schreitet auf uns zu, schleppt nervös sein Federkleid hinter sich her. Die Mädchen haben Angst. Ich lächle und gehe auf den Pfau zu, blende ihn mit dem Blitz meiner Kamera. Der Pfau nimmt die Gestalt einer Schlange an und windet sich ins Wasser, fort. Das macht den Ort nicht weniger unheimlich. Lieber wieder raus in die flirrende Hitze. Wir stolpern den Hang hinunter durch matt schimmernden Salbei (Salvia) in ein ausgetrocknetes Flussbett. Schon wieder ein magischer Ort: River run, snake in the sun.

Donnerstag, 29. April 2010

Gras, Dach

Durch roten und blauen Nebel auf dem Weg zum Wasser. Der Dunst ist heiß, wabert aus den Wänden. Schwitzend kämpfe ich einen klaustrophobischen Anfall zurück. Wo ist das Wasser? Ich folge den Schatten und sehe die Blitze, höre das Plätschern. Erleichtert schließe ich die Augen, kann das grelle Licht trotzdem sehen. Der feuchte Geruch, das kalte Gefühl auf der ängstlichen Haut. Ein spritzender Schlauch, der sich aufführt wie eine hysterische Cobra. Die Installation heißt Water pendulum: Wasser, Schlauch, Pumpe, Stroposkoplicht. Ich bin im Museum, wozu also die Aufregung. Außerdem sind hier noch ungefähr hunderte von anderen Menschen. Die Augen wollen Erholung und ich trete ans Fenster. Succession: Gras (Poaceae), Erde, Gerüst, 81 m². Der Blick auf das begrünte Dach ist eine Kunst. Olafur Eliasson hat diesen Rasen gesät. Schaut ihn euch an.

Dienstag, 27. April 2010

Felsenbirne


Kein Felsen weit und breit, aber in Berlin blühen jetzt die Felsenbirnen (Amelanchier lamarckii), auch vor meinem Büro. Eigentlich sind es auch gar keine Birnen, sondern Äpfelchen, die aus den Blüten reifen, doch wen interessiert das? Vielleicht meine Nachbarin, die aus den ulkigsten Früchten Marmelade kocht – auch aus den Felsenbirnenäpfelchen, die einen leicht bitteren Nachgeschmack nach Marzipan haben. Aus den Blüten der Kapuzinerkresse zaubert sie einen Gelee, der wie orangefarbene Seide schimmert. Seit ich weiß, dass der Busch vor meinem Arbeitsplatz Felsenbirne heißt, ist die Aussicht in meinem inneren Wertesystem schlagartig aufgestiegen. Denn Felsen heißt Berge, Berge heißen Aussicht und Aussicht heißt Feierabend. Kurz: Bayernfeeling. Ergänzt wird der Eindruck durch den Jägerzaun, der die Felsenbirne umzäunt. So ein kleines Stück Erde, das alle paar Minuten vom Durchrattern der U-Bahn vibriert, kann ganz schön viel zur Gefühlsharmonie beitragen. Auch wenn ich weiß, dass Berlin auf Moorboden gebaut ist.