Montag, 21. April 2014

verflochten


„Mir gefällt was du gerade spielst.“
„Einsame Blumen von Schumann.“
„Interessanter Titel, er war wohl auch ein großer Poet.“
„Du überlegst jetzt wahrscheinlich, welche Blumen er im Sinn hatte, oder?“
„Vielleicht Buschwindröschen (Anemone nemorosa), die blühen gerade überall.“
„Magst du das Stück Verrufene Stelle hören? Das hat auch eine Verflechtung zu Blumen.“
„Hm, düster und melancholisch. Weißt du, dass musizieren und dichten die gleichen Netzwerke im Gehirn aktiviert?“
„Echt?“
„Ja, wenn ich durch den Wald laufe und wohlklingende Schachtelsätze konstruiere, habe ich Musik im Kopf.“
„Und wenn du rennst drohen dich die Stabreime zu erschlagen.“
„Bleibe doch lieber romantisch.“
„Okay, hör gut zu. Eine kleine Elfe für dich.“

Donnerstag, 17. April 2014

vorzugsweise rot

Langsam löse ich mich aus der nächtlichen Umklammerung und betrachte die Sonnenpunkte auf meinem Arm. Gold. Licht. Meine Gedanken ziehen zum Fluss und strömen mit ihm zur Mündung. Das Meer rauscht im Wind. Meine Träume surfen auf der Brandung und versprühen dann. Zum Frühstück gibt es Gelächter und ein Funkeln in den Augen, Müsli mit Kokosflocken und den besten Kaffee der Welt. Mein Körper ist leicht wie eine Feder und schwebt gegen jede Regel weit über der Erde. Von oben sieht die Idylle aus wie sie sich unten anfühlt. Ich gehe wieder runter. Es gibt keinen harten Boden der Tatsachen. Die Landung ist weich. Ich kenne die Gegend und sie kennt mich. Neben all den Palmen, die über Nacht gewachsen sind, blühender Flieder (Syringa vulgaris) in den Farben blau über rot bis weiß, vielfach verwildert, Blätter herzförmig, schnitzbares Holz, gut polierbar. Gut gemischt ergeben diese Zutaten ein duftendes Fliederbett, vorzugsweise in Rot.

Dienstag, 15. April 2014

Déjà-vu


In der Haarnadelkurve blitzt kurz etwas auf, eine Kupfermünze. Als ich sie fast berühre bewegt sich etwas in meinem Augenwinkel und ein Déjà-vu schüttelt mich. Es ist ein heftiges Déjà-vu, eine Begegnung mit etwas Wildem. Verwirrt richte ich mich auf und schaue mich um. Nichts. Wahrscheinlich nur ein Produkt meiner Phantasie. Vielleicht auch ein Fragment aus der Erinnerung oder eine ungeordneter Mix aus dem Kurz- und Langzeitgedächtnis. Warum gaukelt mir mein Gehirn das Wilde vor? Will es mich täuschen, indem es mit meinen kostbaren Schätzen jongliert. Es denkt wie immer es sind auch seine und will mal wieder alles teilen. Manchmal geht mir seine symbiotische Anhänglichkeit ganz schön auf die Nerven. Wobei, die Déjà-vus haben schon ihren speziellen Reiz, das muss ich zugeben, vor allem, wenn mein Körper kurzfristig von Gänsehaut überzogen wird. Meine Augen scannen den Boden nach Wiederholung ab, doch sie sehen nur einen Teppich aus Glücksklee (Oxalis tetraphylla).






Donnerstag, 10. April 2014

Roter Apollo


Intelligenz braucht eine stimulierende Umwelt, sonst kann sie sich nicht entwickeln, das gilt auch für Hunde. Die schlaue Frau hat einen klugen Hund, weil sie immer zusammen unterwegs sind. Zum Beispiel dort im Siebengebirge, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, das Wild über die Wege wechselt und der Hirsch röhrt. Auf den kleinen Pfaden, wo sie mit viel Glück dem roten Apollo begegnen, diesem stark bedrohten und streng geschützten Schmetterling aus der glamourösen Familie der Ritterfalter. Für die Frau und den Hund ist der Falter tabu; sie erfreuen sich an seinem Anblick und sollte gerade zufällig eine Läuferin wie ich vorbeitraben, passen sie auf dass ihm nichts passiert. Sie stellen sich wie eine Mauer vor die Frauendistel (Carlina acaulis) und lassen ihn in Ruhe Nektar saugen. Wen kümmert es schon, dass die Distel früher für die Behandlung von Schweinekrankheiten eingesetzt wurde, das ist nur so eine Spezialinformation für intelligente Hundebesitzerinnen.

Montag, 7. April 2014

Markenmelone


Ich liebe diese Inszenierung. Paul Spinat, prominenter und stolzer ehemaliger Eigentümer von Schloss Drachenfels, fährt mit seinem goldenen Rolls Royce durch das Siebengebirge. Neben ihm sitzt Andy Warhol und im Fonds seit neuestem Lady Gaga. Wer das nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt die Geschichte nicht. Aber sie ist wahr, okay, abgesehen von Lady Gaga, die ist sozusagen das Zugeständnis zur Gegenwart und absolut stimmig. Paul Spinat trägt einen seiner vielen Hüte, eine Melone und versucht in schlechtem Englisch Konversation zu machen. Das Bad English stört die Stars nicht, sie sind es gewöhnt. Außerdem sind sie hin und weg von der Schönheit der blühenden Streuobstwiesen und äußerst kreativ im Versuch, dieses schwierige Wort im Original auszusprechen. Sie legen ihre Picknickdecke unter einen Kulturapfelbaum (Malus domestica), blicken in den weißgetupften Himmel und schlürfen Pauls Spezialcocktail. Selten ist ihnen eine Ruhe wie diese vergönnt, eine Idylle, die sich tief in ihre Herzen senkt und die sie dazu bewegen wird, der Einladung Spinats auch nächstes Jahr zu folgen.

Donnerstag, 3. April 2014

Reiseis


Die totale optische und auch ansonsten kognitive Täuschung ist Reiseis. Das nach Rosenwasser duftende Häufchen Halbgefrorene verspricht eine zarte Berührung mit der Zunge. Die weiße Farbe suggeriert Reinheit und Unschuld, die gedankliche Verbindung von Reis mit Süß weckt Kindheitserinnerungen an Mamas Milchreis (das ist nicht für alle eine schöne Erinnerung, ich weiß). Ich sitze also mit meinem Freund, dem Ex-Banker im Gartenlokal und freue mich wie eine Prinzessin auf das Dessert. Ich kann die Augen gar nicht von ihm abwenden, denn er trägt seine Haare jetzt schulterlang und sieht aus wie früher Winnetou. Ich habe Winnetou geliebt. Und irgendwie mag ich lange Haare bei Männern, aber natürlich nur wenn sie glänzen wie die Blütenblätter der vortrefflichen Tulpe (Tulipa praestans). Die Leute, die an unserem Tisch vorbei gehen, schauen uns an. Jetzt wird das Reiseis serviert. Der erste Bissen bleibt mir im Hals stecken, mein Gehirn rebelliert. Spuck aus! brüllt es, doch meine Manieren siegen und ich schlucke einmal. Die Kellnerin schickt den Koch raus, der erklärt die Authentizität der Nachspeise und der Ex-Banker muss sich beherrschen ihm nicht das Tellerchen auf die Schürze zu schmieren. 

Montag, 31. März 2014

to unbrainwash


„Ich habe heute meine alte Klavierlehrerin getroffen.“
„Oh, und?“
„Sie hat mich gefragt, ob ich glücklich bin. Sie riet mir früher im Musikunterricht, wenn ich im Leben glücklich werden will, dann soll ich immer genau das Gegenteil davon machen was mir mein Gehirn sagt.“
„Und? Hast du ihren Rat befolgt?“
„Du kennst mich doch!“
„Ja, du bist leichtsinnig, impulsiv, abenteuerlustig und absolut liebenswert. Bist du auch glücklich?“
„Aber ja! Meistens jedenfalls.“
„Zurzeit nicht?“
„Es geht. Ich habe mich ein wenig in Konventionen verstrickt.“
„Und dein Gehirn verlangt Gehorsam, ich kenne das.“
„Ich hasse das!“
„Aber du kannst es austricksen und du weißt auch wie, oder?“
„Haha, ja klar! Gib schon her, das kleine Beutelchen!“
„Erstaunlich, dass sich ein so komplexes Gebilde mit ein wenig Süßholzraspeln (Glycyrrhiza glabra) beeinflussen lässt.“