John ist Feuerkünstler. Er unterstützt mich in der Endstufe meiner
Transformation. Als ich ihn um Hilfe bitte sagt er du
kennst doch das Feuer besser als ich. Ja, aber ich kann es nicht so gut
kontrollieren und brauche ein paar professionelle Tipps. John betrachtet
prüfend meine Vorbereitungen und nickt anerkennend. Dann mal los. Die
Hauptschwierigkeit besteht darin, dass ich mich zurzeit semantisch im Wasser
bewege und ein abschließender Wechsel in ein anderes Element heikel ist, wenn
nicht gefährlich. Gefährlich ist gut sagt John und lacht. Er kennt viele Arten
von Flammen, die blauen, die gelben und goldenen, die gierigen und gleißenden,
die lautlosen und die explodierenden. Für mich entzündet er eine neue: die
superheiße. Sie ist in der Lage meinen Kokon zu sprengen ohne den Inhalt zu
verletzen. Der Inhalt bin ja auch ich, haha, auch wenn ich noch nicht weiß, was
genau ich bin. Aber eine schwarze verkohlte Masse will ich nicht sein. Du
wirst überrascht sein was aus der Hitze entsteht, sagt John. Atme diesen Rauch ein.
Er reicht mir einen glühenden Stengel Dattelpalme (Phoenix dactylifera) und fängt an.
Sonntag, 23. Februar 2014
Mittwoch, 19. Februar 2014
großartig
„Wie weit bist du mit deiner Regenerationstherapie?“
„Hm, ich weiß nicht genau. Die Behandlung mit Wärme scheint
anzuschlagen.“
„Wie macht sich das denn bemerkbar?“
„Na ja, ich bin irgendwie fröhlicher.“
„Soso, irgendwie fröhlicher...“
„Mach dich bloß nicht lustig über mich, du steckst ja auch
noch mitten in der Transformation. Oder habe ich etwas verpasst?“
„Nein, stimmt. Ich nehme jetzt Transferasen.“
„Klingt eklig, was ist das?“
„Das sind Enzyme zur Übertragung von bestimmten
Atomgruppen.“
„Bist du sicher, dass dir das nicht schadet?“
„Im Gegenteil. Ich fühle mich großartig. Als hätte ich
Rauschbeeren (Vaccinium uliginosum)
gegessen.“
„Ich hätte Angst vor einer Regression.“
„Gegen die Angst nehme ich Regulatorproteine.“
„Vielleicht solltest du es mal mit Wärme versuchen.“
Samstag, 15. Februar 2014
wo bin ich
Meine Zahnärztin hypnotisiert mich. Sie sagt bei mir braucht
sie nur mit den Fingern schnippen und schon bin ich weg. Dann behandelt sie in
aller Ruhe meine craniomandibuläre Dysfunktion, das klingt schlimmer als es
ist. Sie hat das schon öfter gemacht. Also, auf jeden Fall bin ich dieses Mal
irgendwie in einer Art Zwischenwelt hängengeblieben und okay, es herrscht eine
sehr entspannte Atmosphäre, mein subjektives Schmerzempfinden ist gleich null
und sämtliche Blockaden scheinen überwunden – alles cool und tropisch
inselmäßig. Nach und nach stellen sich die Sinne wieder ein und mein Gehirn tut
mir den Gefallen und fragt wo bin ich. Während es sein ganzheitliches
Testverfahren durch meinen Körper schickt betrachte ich mich im Spiegel, rotes
T-Shirt mit grüner Salakpalme (Salacca zalacca),
Haare etwas länger als vor meinem Termin und silberne Flipflops. Ich lächle mir
zu, bewundere meine perfekten Zähne und beiße damit in eine Schlangenhautfrucht, lila
Saft spritzt auf den Boden. Wanderameisen lecken ihn mit ihren kleinen rosa
Zungen gierig auf. Mein Gehirn rollt mit meinen Augen und findet es reicht
jetzt. Es ist und bleibt mein persönlicher Spielverderber.
Sonntag, 9. Februar 2014
boycow
Die erste olympische Goldmedaille gewinnt ein Snowboarder,
rock´n roll! Auch wenn Russland das nicht wahrhaben will, damit wird die
gesamte systemspezifische Semantik an scheinbar bewahrenswerten und bedeutsamen
Leitvorstellungen, die sich aus dem offiziell formulierten und mit einem was
wir im Westen aggressives Marketing nennen würden standardisierten
Volksempfinden untergraben. Das grundlegende kulturelle Erbe des russischen
Gesellschaftssystems schlittert in kunstvoller Akrobatik durch die Halfpipe. In
der Zeitlupe wird klar, wie gerissen sich der Underdog mit außerordentlicher
Substanz und stilsicherer Perfektion den Sieg holt und er am Ende seiner
Performance noch einen seltenen und herzergreifenden 1620 Japan zelebriert. Niemand
ohne Boarderherz kann sich vorstellen, wie dieses Gold Millionen von Zuschauer für immer verändert. Es ist wie den Blütenstaub des in Virginia heimischen Schneeflockenstrauchs
(Chionanthus virginicus) einzuatmen,
er wird Teil des menschlichen Organismus und das Gehirn wird beim Wort Pipe nie
wieder an Öl denken wollen, sondern an Airs, Spins, Flips oder Grabs in
unendlichen Variationen und individuellen Neudefinitionen. In den Straßen von
Sochi haben Sprayer boycow! an die Mauern gesprüht, funny.
Freitag, 7. Februar 2014
extrem lecker
Künstliche Zurückhaltung ist nicht mein Ding. Werfe mir ein paar attraktive Happen hin und ich werde von der Kröte zum
Hai. Die Hai-Analogie ist nicht wirklich passend, denn der schlingt ja alles
runter ohne wirklich zu genießen, obwohl wer weiß schon Bescheid darüber wie
ein Hai genießt und schließlich kann er nicht anders, er muss mit wilder
Begierde das Blutige schnappen. Langer Hairede kurzer Sinn: ich bin mit etwas Leckerem so was von manipulierbar, vergesse antrainierten Anstand,
selbstauferlegte Demut und in meinem Körper fängt es an zu kribbeln wie tausendmillionen
Ameisen auf einem australischen Perückenstrauch (Cotinus obovatus Raf.). Feine Restaurants mit extrem leckerem
Essen sind der ideale Ort um mir etwas zu verkaufen was ich nicht brauche, mich
zu etwas verführen oder zu versprechen, an das ich mich am nächsten Tag nicht
mehr erinnern kann. Wie immer (oder meistens) sind es schlicht die Hormone, die
diesen Zirkus veranstalten. Mein Gehirn lacht sich regelmäßig schlapp über
meinen Gesichtsausdruck wenn die Wirkung nachlässt, doch das ist mir egal, ich
kann nicht anders.
Mittwoch, 5. Februar 2014
5x treu
„Freiem Leben, freiem
Lieben/Bin ich immer treu geblieben!“
„Von dir? Dichtest du jetzt auch?“
„Neee, das ist von Louise Aston, 1846.“
„Diese Definition von Treue ist wirklich mal überzeugend.“
„Meine Liebe, du hast ein wildes Herz.“
„Da sitzen wir hier so still und in unserem Innern wächst
das nächste Abenteuer.“
„Hört sich so an als wüsstest du schon wohin die Reise
geht.“
„Ich würde gerne einen Mammutbaum (Sequoiadendron giganteum) berühren.“
„Seit wann zieht es dich in den Wald?“
„Ist nur so ein Gedanke.“
„Wusstest du, dass es in einer Pflanzengesellschaft fünf
Treuegrade gibt?“
„Nein, ehrlich?“
„Ja, nicht mal Pflanzen unterwerfen sich unserem dämlichen
Dualismus.“
„Haha! Das gefällt mir. Ich verstehe immer mehr was dich an
der Flora fasziniert.“
Montag, 3. Februar 2014
Das Leben als Amphib
Ich tummle mich im Ozean der Semantik (autsch, this sucks)
obwohl ich den Status als Tümmlerin noch nicht habe. Muss mich derweil als iberische
Geburtshelferkröte verdingen, den Blick nach unten richten und darf nur ab und
zu mal frische Lust schnappen. Das Leben als Amphib ist am Anfang ganz
angenehm, dann wird es schnell langweilig. Dieses Regelding habe ich mir selbst
auferlegt, denn ich neige dazu neugierig zu sein, interessante Sachen zu
entdecken und ihnen dann zu folgen, man kann das auch Abenteuerlust nennen.
Neulich habe ich etwas gefunden das ich gar nicht gesucht habe und das war viel
mehr als ein glücklicher Zufall, weil es war ein bedeutender Zusammenhang
zwischen zwei völlig verschiedenen Vorgängen und das Beste ist das Wort das es
dafür gibt: serendipity. So was kommt häufiger vor als Kröte gemeinhin denkt. Wenn
ich irgendwann eine findige Tümmlerin bin kann ich auch intelligent
schlussfolgern und in einem Sekundenbruchteil erkennen, dass das da unten keine
sich in der sanften Dünung schlängelnde Alge (Rhodophyta) ist, sondern ein Aal. Als Kröte aber glotze ich nur
blöd und kapiere gar nix.
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