Montag, 28. November 2011

back

Ich fange jetzt wieder an zu berichten. Bin fünf Monate mit Andi in einem anderen Sonnensystem gewesen, habe Sand geatmet und Schwefel gespuckt. Trotzdem sind meine Atemwege frei und meine Augen so klar wie nie. Der Horizont ist eine Kurve. Das Dauerhoch der Schwerelosigkeit ist zu Ende, aber Andi kennt (natürlich) einen Weg, wie ich ein künstliches High erzeugen kann. Es bleibt ein Geheimnis, so lange, bis er wieder Geld braucht, um weiterzuziehen. Auf der Straße scheine ich zu leuchten wie ein Neon. Freundlich wenden sich fremde Menschen an mich mit Fragen zum Weg dort und dahin. Berlin, Hamburg, Köln und Frankfurt. Ich kenne mich zwar nicht überall aus, aber eine konkrete Antwort akzeptieren sie alle. Abends jongliere ich mit Mandarinen. Es duftet nach Tannen (abies).

Freitag, 12. August 2011

selfish brain


Dass das Gehirn eine eigenständige Existenz im Körper führt und den Rest seiner stofflichen Umgebung komplett durcheinanderbringt, kenne ich. Verliebt sein und Nichteinschlafenkönnen sind die besten Beispiele. Warum die Person der Begierde sich derart tief in die hinter der Netzhaut liegende Kodierung des Beuteschemas brennen muss, so dass die unfreiwillige Tätowierung bis in die Gedärme rumort, weiß nur das Gehirn. Die damit verbundene Schwierigkeit einzuschlafen, weil die Herzfrequenz auf ja, ich will, egal wie spät es jetzt ist und eigentlich haben wir uns noch gar nicht kennengelernt, getuned ist. Und obwohl ich weiß, dass hinter diesem selfish brain-Unfug meistens Andi steckt, gehe ich immer wieder in die Falle. Liege im Dämmer auf der linken Seite und mein Herz hämmert mir an die Rippen. Drehe mich auf die andere Seite, das Gehirn geht auf remote und spielt mir zum xten Male die Szene der ersten Begegnung vor. Ich vergesse sie nicht!! Macht es Sinn, mit dem eigenen Gehirn zu sprechen? Unterscheidet mich das von einer Pflanze, zum Beispiel einer fleischfressenden Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula)?

Mittwoch, 20. Juli 2011

Mein Schatz

ist groß. Er kam vor geraumer Zeit unerwartet als Mädchen zur Welt, die mir meiner rosigen Erscheinung wegen einen gesunden Jungen eingeredet hat. Nun schauen alle auf diese   schöne Tochter und ich bin so stolz wie Oskar - wie sie vielleicht heißen würde wäre sie kein Mädchen geworden. Jedes Jahr Sommergeburtstage mit kichernden Mädchen und dem einen Jungen, der seit dem Kindergarten ihr bester Freund geblieben ist. Er kauft ihr ein Kleid, sie berät ihn in Beziehungsfragen, seine Freundin ist eifersüchtig auf sie, ihr Freund und er sind gute Freunde. Sie sind im gleichen Monat geboren und seine Mutter gab ihm Puppen in die Hand, die er wie Bagger einsetzt und die Erde damit aufwühlt. Wir lachen darüber was vorher ernst gemeint war, die beiden sind wie die Blütenkätzchen einer Weide (Salix), silber ist der Glanz auf ihrer Haut und ihre Unbekümmertheit ist ansteckend.

Freitag, 17. Juni 2011

Glühend heiß

fließt die Lava unter unseren Füßen. Nur ein kleines Stück Straße trennt uns vom Feuer, wir flüchten über eine Mauer in den Garten eines Mannes, der einen Dolch trägt. Immer mehr Menschen drängen auf sein Grundstück und bitten um Unterschlupf, auf dem Weg in sein Haus ersticht er sie. Mein Schlafgefährte ist tödlich an der Hüfte getroffen, ein sauberer Schnitt aus dem kein Blut fließt, doch sein Blick ist schon im Jenseits. Ich weiche zurück hinter die mageren Büsche, zertrete zarte Schachbrettlilien (Fritillaria meleagris), doch mein Versteck ist nicht sicher. Behände springt der Mann auf mich zu, schwingt die Klinge über seinem Kopf und ich sehe die blanke Schneide auf mich zukommen, spüre die Luftbewegung und dann ist Ende. Ich bin tot. Habe nichts gespürt, nur den kurzen Augenblick des Schreckens, der schon voll der Trauer war. Die Dramatik in meinem Traum amüsiert mich, es gibt allerhand zu verarbeiten.

Sonntag, 5. Juni 2011

Lord of Goldschmuck

Aus dem Schlamm hebe ich zwei goldene Ringe auf. Der eine ist unregelmäßig mit Brillis besetzt, der andere ist eine Art Siegelring mit dem Abbild unserer heiligen Frau. Hm, solch fetten Schmuck sehe ich schon mal in der U 8 kurz vorm Kotti an der Hand weißgekleiderter Dunkelhäutiger, die mindestens hundertzwanzig Kilo wiegen. Jetzt stehe ich in der Sonne, die Ringe blitzen und ich schaue mich vorsichtig um, es ist niemand in der Nähe. Ich überleg kurz, wiege das Gold in meiner Hand und bringe es kurz entschlossen zur Kasse, das hat wohl jemand verloren. Dann springe ich in den Pool und schwimme ein paar Runden. Als ich herauskomme, steht im Gegenlicht ein Mann, der mich anschaut. Er fragt nach den Ringen und berührt mich am Arm, in kürzester Zeit fließt eine Menge Energie. Andi. An den Augen erkenne ich dich, der Rest von dir sieht anders aus, doch ganz nach meinem Geschmack. Der Mann holt seine Ringe und ich frage mich, wie er und sie zusammenpassen. Abwesend zupfe ich einen Echten Haarstrang ( Peucedanum officinale) in seine Bestandteile.

Sonntag, 29. Mai 2011

burn!

Die Sonne brennt. Ich gieße meine Pflanzen zweimal am Tag, der Wind trocknet sie wieder aus. Petunie (Petunia hybrida) in leuchtendem Pink, Bougainvillea (Bougainvillea glabra) in leuchtendem Pink, Geranie (Pelargonium) in leuchtendem Pink. So liege ich inmitten von leuchtendem Pink und frage mich, ob diese monochrome Farbgebung auf meiner Terrasse unbewusste Absicht war. Ich neige auch bei meiner Kleidung zu einseitiger Kontrastierung, schon als Kind. Manche Fotos sind einfach lächerlich. Entlarvend. Ein Bild aus der dritten Klasse, auf dem trage ich einen grauen Faltenrock, graue Strumpfhosen und einen grauen Rollkragenpulli. Ich lächle unschuldig als wüsste ich nicht was ich anhabe. Oder ein Klassenfoto aus dem Deutsch-Leistungskurs, blaue ausgewaschene Jeans, blaues Matrosenhemd aus der Mottenkiste, blaue Wildlederadidas. So sehen zwar fast alle aus, aber trotzdem. Auch mein Bett sieht aus, als wäre es mit einer Farbe übergossen, Laken, Bettdecke, Kissen, alles gleichfarbig. Ich schlafe gut.

Samstag, 28. Mai 2011

Stein

Der Schlaf hat mich eingeholt, vielleicht auch die Seele. Sie hat länger gebraucht als ich für den einfachen Weg nach Westen, der immer mein Zuhause war und es auch jetzt wieder ist. Ich schlafe und schlafe, als wären Jahre nachzuholen. Wache ich auf, ist es immer noch hell am Abendhimmel. Mein Inneres ist gnädig, nicht mehr so zerrissen, als hätten sich alte Wunden endlich geschlossen. Versöhnt. Mein wacher Geist ist wie ein Schwamm, nimmt das Neue begierig auf und dreht es in alle Richtungen, um es ohne große Lücken abzuspeichern wie ein mit Steinen gepflasterter Hof. Ich glaube, in meinen langen Schlafperioden sortiert sich das Muster neu, die Erinnerungen, die Sehnsüchte, tausend Jahre Stärkung aus einer kleinen sternförmigen Blüte, Tausendgüldenkraut (centaurium erythraea).